"Die Presse": Leitartikel:"Rauchen kann Ihre Freiheit bedeuten" (von Martin Kugler)

Ausgabe vom 18.7.2005

Wien (OTS) - Schärfere Rauchverbote sind im Anrollen - mit wohlverstandenem Liberalismus sind sie aber nicht vereinbar.

In Österreich sterben jährlich 14.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das sind, wie uns Ärzte vorrechnen, mehr Todesfälle, als durch Aids, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Selbstmorde zusammen. Rauchen gilt heute als die wichtigste vermeidbare Ursache von Krankheit und vorzeitigem Tod. Laut Statistiken kommt Rauchen einer durchschnittlichen Abnahme der Lebenserwartung um 20 bis 25 Jahre gleich.
Diese Fakten sind freilich nur eine Seite der Medaille. Denn erstens sagt eine Statistik nichts über den Einzelfall aus. Und zweitens frönen Raucher dem blauen Dunst ja nicht, um sich zu schädigen, sondern des Genusses wegen. Und der ist groß: Laut einer nicht repräsentativen Umfrage im Bekanntenkreis raucht mehr als die Hälfte der Befragten "für ihr Leben gern". Aufhören will nur eine Minderheit.
Allerdings sind wir Raucher nicht allein auf der Welt. Immer mehr Nichtraucher - und diese sind die Mehrheit - wollen vor dem Rauch geschützt werden. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, dass Wien New York wird. Oder Neapel. Auch in Österreich werden Raucher wohl aus Lokalen und Restaurants verbannt werden. Offiziell hält Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat zwar an den im Vorjahr beschlossenen weicheren Bestimmungen fest, aber eine breite Front an Gesundheitspolitikern fordert unisono eine Verschärfung.
Als Raucher muss man hier die Stimme erheben. Und fragen, was die allerorts verfügten drastischen Rauchverbote gebracht haben. In Vorreiterland Irland ist gut ein Jahr nach dem Start der Raucher-Verbannung der Zigarettenabsatz laut Zigarettenherstellern um ein Zehntel gesunken. Noch drastischere Einbrüche gibt es in Frankreich, Deutschland oder Österreich (auch wegen des grassierenden Schmuggels).
Anti-Raucher-Gesetze sind also ein Erfolg, könnte man meinen. Doch Vorsicht: Weniger geraucht wird offenbar nicht. Aus Deutschland wird berichtet, dass zwar weniger Jugendliche zu rauchen beginnen, der Prozentsatz der Raucher in der Bevölkerung aber steigt. Umgekehrt ist es in Norwegen: Dort blieb die Zahl der Raucher trotz strenger Verbote praktisch unverändert, der Anteil der jungen Raucher ist aber gewachsen. In Österreich dürfte die Entwicklung den spärlichen Statistiken zufolge ähnlich sein. Man blicke nur um sich - und man stellt fest, dass mehr Jugendliche als jemals zuvor rauchen.
Es ist also fraglich, ob gesetzliche Verbote die Menschen wirklich vom Rauchen abhalten. Und es sprechen auch gewichtige Gründe gegen gesetzliche Einschränkungen. Neben volkswirtschaftlichen Überlegungen - abgewogen werden müssen etwa Steuereinnahmen, verkürzter Pensionsbezug und Behandlungskosten - ist der gravierendste Punkt die Freiheit: Jeder staatliche Eingriff ist eine Bevormundung der Bürger und beschneidet deren Freiheit.
Österreich ist nun einmal ein liberales Gemeinwesen. Und so muss der Einzelne darüber entscheiden können, was er tut und lässt - solange er andere nicht gefährdet. Letzteres muss betont werden: Persönliche Freiheit ist untrennbar mit Verantwortung verbunden - es gibt kein Recht ohne Pflicht. Raucher müssen auf Nichtraucher Rücksicht nehmen:
Es sollte etwa selbstverständlich sein, die Tischgenossen zu fragen, ob es sie stört, dass man raucht.
Wenn solche Spielregeln eingehalten werden, sind die nun diskutierten totalen Rauchverbote in Lokalen so unnötig wie ein Kropf. Im Speisesaal eines Restaurants nicht zu rauchen ist völlig in Ordnung. Wenn aber auch an der Bar und sogar auf der Toilette Rauchverbot herrscht, dann schießt das eindeutig über das Ziel hinaus.
Statt über weitere Verbote zu diskutieren sollte die Energie vielmehr in andere Bereiche gesteckt werden. Erstens gibt es ja Verbote, etwa Rauchverbote für Jugendliche: diese kann, soll und muss man auch kontrollieren. Und zweitens sollte Aufklärungskampagnen ein viel höheres Gewicht eingeräumt werden. Denn zur wohlverstandenen Freiheit des Einzelnen gehört auch das Wissen um die Folgen.

Und auch wenn es viele nicht hören wollen: Sich nur auf das Rauchen einzuschießen und das zweite legale Suchtmittel, den Alkohol, nicht zu diskutieren ist verlogen. Dass Alkoholismus mindestens so hohe Kosten und zudem viel höheres menschliches Leid verursacht - viele Tausende verprügelte Ehefrauen wissen ein Lied davon zu singen -, spielt in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Politiker sprechen darüber nicht. Und auch nicht darüber, dass Alkoholkonsum weiterhin mit Steuermitteln gefördert wird.

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