Gegen die Tyrannei der Gene - aber wie?

"Presse"-Leitartikel von Thomas Kramar

Wien (OTS) - Wenn die Kirche "wissenschaftlich" gegen die
Evolution argumentiert, prolongiert sie ein Rückzugsgefecht.

Wir sind als Gen-Maschinen gebaut und werden als Mem-Maschinen erzogen, aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen."
Dieser trotzige Satz stammt nicht von einem Kritiker des Darwinismus, sondern von einem seiner beredtesten Vertreter auf Erden: von Richard Dawkins, dem streitbaren Biologen, der Leben und Evolution aus der Sicht der - blinden, aber egoistischen - Gene sieht, für die wir nur "Überlebensmaschinen" sind. Gegen deren Tyrannei können wir uns auflehnen, aufstehen wie Prometheus gegen Zeus: Welch ein Pathos! Doch, doch: Das Thema ist pathetisch. Die Biologie ist wertfrei, ihre Interpretation nicht. Wer aus der - von Kardinal Schönborn geschürten - Debatte um die Evolutionslehre nur die akademische Frage hören will, was denn nun wahr sei, heuchelt Coolness. Womöglich in der Pose des edlen Nihilisten, der, genötigt allein von der Macht der Fakten, einfach seufzen muss: Alles ist sinnlos, ziellos, getrieben nur von Zufällen. Willkommen in der "eisigen, verlorenen Welt", die Jacques Monod in "Zufall und Notwendigkeit" skizziert hat.
Es ist einsichtig, ja: selbstverständlich, dass jede Religion, die mehr sein will als Lieferantin privater Glücksrezepte in einem unverbindlichen "New Age", sich gegen diese umfassende philosophische Interpretation der Evolution stellen muss.
Es kommt aber sehr darauf an, wie. Die Idee vom "intelligenten Design", mit der Schönborn offensichtlich sympathisiert, mag wie ein vernünftiger Kompromiss anmuten, schon weil sie eine Zwischenstellung beansprucht zwischen Darwinismus und Kreationismus, die dagegen beide als "extrem", als "radikal" erscheinen sollen.
Das Problem ist nur, dass dieses Terrain unhaltbar ist. Die Vertreter des "intelligenten Design" werden nicht müde, Fakten aufzuzählen, die die Evolutionslehre noch nicht erklären kann. Betonung auf "noch":
Denn regelmäßig findet die emsige Wissenschaft dann doch eine Erklärung, stopft wieder eine Lücke. Vor einigen Jahren etwa war es bei Darwinismus-Gegnern en vogue zu behaupten, dass komplexe Sinnesorgane wie das Auge nicht ohne Eingriff von "außen", ohne Planung entstanden sein könnten. Heute versteht man die Evolution des Auges gut, besser gesagt: der Augen. Denn diese Sinnesorgane sind auch in ihren primitivsten Urformen so vorteilhaft, dass sie im Lauf der Evolution gleich mehrmals entstanden sind.
Und das Leben selbst? Ist es nicht völlig unwahrscheinlich, dass es "von selbst" aus Anorganischem entstanden ist? Nicht so schlimm: Es gibt sehr vernünftige Modelle dafür, die "vis vitalis" ist längst obsolet. Und ganz generell: Dass ein Ereignis unwahrscheinlich ist, spricht nicht unbedingt dafür, dass es göttlich geplant ist. Sonst wäre jeder Lottogewinner ein Bekehrter.
So sind die Evolutionsskeptiker - welcher Glaubensrichtung auch immer - zum Rückzugsmanöver gezwungen. Eine unwürdige Position. Und ein armseliger Gott, der als Lückenbüßer dienen muss für das, was die Wissenschaft gerade noch nicht erklären kann. Anders gesagt: Will man an einen Schöpfergott glauben, der dauernd korrigierend in seine Schöpfung eingreifen muss? Das Wunder des Lebens ist nicht weniger wundervoll, wenn man die Gesetze verstehen lernt, nach denen es abläuft.

Kitsch beiseite: So wundervoll ist das Leben auch wieder nicht. Zumindest nicht für unsere Wertmaßstäbe. Das "Survival of the fittest", wie sanft man es immer übersetzen mag, ist ein grausames Spiel, die Evolution ist an Maul und Klauen blutig rot, wie der Dichter Alfred Tennyson schrieb, übrigens einige Jahre vor Darwins "Origin of Species". Hinter all dem Schönen, so fein das "Design" auch sein mag, steht unermessliches Leid der Verlierer, denen die "Selektion" nicht gewogen war.
Eine unsinnige Anklage? Ein Löcken wider den Stachel der Natur? Genau hier findet Gottesglaube einen Platz, vor allem jüdischer und christlicher. Diese Offenbarungsreligionen sind eben keine Naturreligionen, ihr Gott ist keine Personifizierung der Natur, schon gar kein Feinmechaniker der Evolution, sondern steht explizit auf der Seite des Menschen, der menschlichen Moral. Macht euch die Erde untertan, heißt es: Die "Schöpfung" so zu akzeptieren und zu bewundern, wie sie ist, ist viel weniger christlich als die Revolte gegen die Tyrannei der Gene.
Diese Revolte sollte sich aber wohl eher nicht darin äußern, dass man die Wissenschaft, die diese Tyrannei beschreibt, für unwissenschaftlich erklärt.

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