Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Es war ein alter Journalistenscherz: Wer gar nicht
mehr weiß, wie er die Zeitung füllt, der schreibe halt über Adam und Eva. Ein Aufsatz des Wiener Kardinals in einer renommierten Weltzeitung sowie dessen reflexartige Verdammung durch antikirchliche Medien Europas hat diese Empfehlung schlagartig Realität werden lassen.

Dennoch ist die Kontroverse kein sommerlicher Lückenfüller, sondern eine der spannendsten Debatten, die nachdenkende Menschen führen können: Hat die Religion ein Monopol auf Welterklärung oder hat es die Naturwissenschaft? Beide nehmen es in höherem Ausmaß in Anspruch, als sie beweisen können. Die heute in der Naturwissenschaft vorherrschende Evolutionstheorie hat viel für sich, sie kann viele Fragen beantworten - nur einige ganz zentrale nicht: Warum ist auf evolutionärem Weg aus Einzellern, Pflanzen, Fischen, Insekten und Säugetieren als signifikanter Systembruch der vernunft-, liebes- und zerstörungsbegabte Mensch entstanden - wirklich durch Zufall? Und:
Woher kam der Urknall, was war vor und in der allerersten Millisekunde?

Umgekehrt kann aber auch keine Religion ihre Deutung des Woher, Warum und Wohin beweisen. US-Christen etwa, die auf dem Wortlaut der biblischen Schöpfungsgeschichte beharren, machen sich eher lächerlich.

Daher steht es beiden Seiten gut an, der anderen respektvoll zuzuhören. Daher sollten auch beide ihren eigenen Glaubensbestand mehr mit Demut als mit Selbstsicherheit reflektieren. Wo das verloren geht, da nähert sich die flache Sommerloch-Debatte.

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Auch das ist altes Journalisten-Wissen: Man wird häufig Ziel organisierter Desinformations- und Untergriff-Kampagnen politischer Parteien und deren Partisanen. Diese laufen über gezielte Störung von Versammlungen, unqualifzierte Leserbriefe und neuerdings besonders übers Internet (ist es doch heute jenes Medium, wo anonyme Täter die Grenze zwischen Wahrheit und Propaganda am leichtesten verwischen können). Redaktionen benötigen oft detektivische Fähigkeiten, von Parteien organisierte Briefe aus den vielen Zuschriften normaler Bürger herauszufischen.

Wenn neuerdings in der steirischen Volkspartei am Beginn eines nervösen Wahlkampfes solche Methoden schriftlich konzipiert werden, dann gebührt ihr mit Sicherheit jedenfalls eines: der große Orden für politische Dummheit am grünen Bande.

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