Enquete zu Einkommensgerechtigkeit: Prammer: "Alle Alarmglocken müssen läuten!"

"Österreichs Zahlen sind beschämend"

Wien (SK) "Bei der Frage der Einkommensgerechtigkeit zwischen Männern und Frauen müssen alle Alarmglocken läuten, die Zahlen sind beschämend", unterstrich die Zweite Nationalratspräsidentin und SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Barbara Prammer am Montag bei einer gemeinsamen Enquete des Renner-Instituts, der SPÖ-Bundesfrauen und des Kompetenzteams Wirtschaft der SPÖ zum Thema "Einkommen und Geschlecht: Strategien für mehr Einkommensgerechtigkeit in Österreich". Markus Marterbauer (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung) hielt ein Referat zum Thema "Die Einkommensentwicklung in Österreich", Anita Nyberg (National Institute für Working Life, Stockholm) sprach über "Die Entwicklung der Einkommen in Schweden". Während in Schweden Frauen im Durchschnitt nur um 18 Prozent weniger als die Männer verdienen - der Prozess zur Verringerung der Differenz ist auch in Schweden ins Stocken geraten - verdienen Österreichs Frauen ein Drittel weniger als die Männer.****

Prammer verwies auf eine jüngst von den SPÖ-Frauen in Auftrag gegebene SORA-Studie, die aufzeigt, dass 65 Prozent der Frauen zwischen 18 und 39 Jahren mit ihrem Einkommen unzufrieden und auch mit ihren beruflichen Aussichten überhaupt nicht zufrieden sind. Für Prammer ist daher klar: "Wir müssen uns mit dem Thema Einkommen näher beschäftigen, die Hintergründe dementsprechend ausleuchten und auch Vergleiche mit anderen Ländern ziehen".

"Die Zahlen sind beschämend", so Prammer über die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in Österreich. So verdienen bei den ArbeiterInnen Frauen die Hälfte dessen, was Männer verdienen, bei den Angestellten verdienen Männer durchschnittlich 22.520 Euro, Frauen nur 14.010 Euro, bei den BeamtInnen betragen die Zahlen 27.000 Euro (Männer) zu 23.990 (Frauen) und bei den Lehrlingen 5.940 (Männer) zu 4.830 (Frauen). Breits bei der Berufswahl trete ein Problem auf; Mädchen würden sich oft für Lehrberufe entscheiden, in denen sie weniger verdienen, so Prammer.

Einen weiteren Grund für die unterschiedliche Einkommenssituation zwischen Männern und Frauen sieht Prammer in der hohen Teilzeitarbeitsquote der Frauen. Sie kritisierte in diesem Zusammenhang die statistische Aufarbeitung der Teilzeitarbeit:
"Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit", stellte Prammer klar. Anstelle der Teilzeit regte Prammer bessere autonome Arbeitszeitregelungen für junge Eltern an: "Auch hier sind gesetzliche Bestimmungen notwendig".

Ein weiteres Problem sieht Prammer nach wie vor in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Karenz sei alles andere als leicht, dazu komme, dass Väter wenig zur Kinderbetreuung beitragen und es einen Mangel an geeigneten Kinderbetreuungseinrichtungen gibt. Prammer forderte 100 Millionen Euro für Wiedereinstiegsmaßnahmen und Verbesserungen beim Kindergeld. Die von Arbeitsminister Bartenstein in Aussicht gestellten 15 Millionen Euro seien nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein", so Prammmer.

Das Kindergeld sei derzeit eine "Ausstiegshilfe" aus dem Arbeitsmarkt und gehe an den Eltern vorbei, kritisierte Prammer. "Es wäre eine echte Hilfe, wenn Eltern für sich bestimmen könnten, wie lange sie in Karenz gehen wollen", betonte Prammer und regte an, das Kindergeld für die gesamte Bezugszeit heranzuziehen und es auf die tatsächliche Karenzzeit aufzuteilen. "Längerfristiges Ziel ist ein einkommensabhängiges Karenzgeld", so Prammer.

Die "Individualstrategie" der Frauen, ganz einfach auf Kinder zu verzichten, müsse vermieden werden, unterstrich Prammer. "Es ist keine gute Perspektive, sich das aus einer ökonomischen Lage heraus aufdrängen zu lassen", schloss Prammer.

Marterbauer: "Es ist sehr viel zu Gunsten der Frauen möglich"

"Innerhalb der Staatsausgaben gibt es massive Möglichkeiten der Umschichtung, hier ist sehr viel zu Gunsten der Frauen möglich", betonte Marterbauer. Er hielt fest, dass Frauen im Durchschnitt etwa zwei Drittel der Männereinkommen verdienen, und Branchen, die niedrige Durchschnittseinkommen aufzeigen, überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigen. Im Bereich niederer Einkommen seien die Unterschiede zwischen Männer- und Fraueneinkommen besonders hoch, während die Unterschiede im oberen Einkommensbereich nicht so groß seien.

"Bildung ist bei Einkommensfragen eine wesentliche Determinante", unterstrich Marterbauer. "Je höher der Ausbildungsgrad der Frauen ist, desto näher kommen sie an Männereinkommen heran, je niedriger das Ausbildungsniveau, desto größer die Einkommensschere", so Marterbauer. "Frauen, die am Bildungssystem teilnehmen, fallen im Einkommenssystem nicht so weit zurück", so Marterbauer.

Eine weitere Determinante ist die Arbeitszeit. "Teilzeitarbeit ist in Österreich relativ stark gestiegen", hielt Marterbauer fest. So sei die Teilzeitarbeit in Österreich bei den Frauen von knapp 27 Prozent Mitte der 90er Jahre auf fast 38 Prozent im Jahr 2003 gestiegen. "Wir müssen davon ausgehen, dass ein guter Teil der Teilzeitarbeit unfreiwillig ist und sich auch geschlechterspezifische Diskriminierung wiederfindet", sagte Marterbauer. Er bezeichnete die Teilzeitarbeit als ein "Karrierehindernis", das durchaus eine Sackgasse sein könnte.

Marterbauer hielt fest, dass der Anteil der unselbständigen Erwerbstätigen auf unter 60 Prozent zurückgegangen sei. "ArbeitnehmerInnen verlieren massiv am Anteil des Volkseinkommens", so Marterbauer. "Wir haben eine massive Krise auf dem Arbeitsmarkt", so Marterbauer. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei eine zentrale Ursache für das Auseinanderentwickeln der Lohnquote, so Marterbauer.

Die Beschäftigungsquote in Österreich betrage durchschnittlich 67 Prozent, 75 Prozent Beschäftigung bei den Männern, 62 Prozent bei den Frauen, führte Marterbauer aus. "Das wäre gar nicht so schlecht, aber Österreich schummelt bei den Daten", so Marterbauer, der auf die Karenz- und Kindergeldbezieher, die Präsenzdiener, die Teilzeitarbeitenden und auf die sich in Schulung befindenden Arbeitslosen verwies. "Würde man all diese Menschen herausrechnen, ergibt das eine Beschäftigungsquote von 62 Prozent", rechnete Marterbauer vor.

Marterbauer hob hervor, dass das österreichische Abgabensystem nicht besonders umverteile. Zwar gibt Österreich sieben Milliarden jährlich für Familienförderung aus, für Sachleistungen wie etwa Kinderbetreuungsplätze würde der Staat aber nur rund 12 Prozent zur Verfügung stellen. Er betonte, dass eine Umverteilung nach unten, nicht nur aus einer Gerechtigkeitsüberlegung sondern auch aus gesamtwirtschaftlichen Gründen - Stichwort Konsumnachfrage -, Priorität haben müsse. Marterbauer sprach sich für eine aktive Beschäftigungspolitik aus, und forderte eine Schwerpunktlegung der Politik auf Aus- und Weiterbildung.

Nyberg "Auch Schwedens Aufholprozess beim Abbau der Lohnunterschiede ins Stocken geraten"

Nyberg sagte, dass in Schweden der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen 18 Prozent betrage. "In den 70er und 80er Jahren haben Frauen begonnen, auf den Arbeitsmarkt zu drängen, die damalige sozialdemokratische Regierung hat sie unterstützt", so Nyberg. Seit 1990 verlaufe die Beschäftigungsquote mehr oder weniger gleich. Der Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" sei schon lange auf der Tagesordnung Schwedens.

"Schwedens Frauen haben große Anstrengungen unternommen", betonte Nyberg. Das Bildungsniveau sei seit 1974 bei den Frauen stärker angestiegen als bei den Männern, auch im Bereich der Arbeitserfahrung habe sich die Differenz zwischen Männern und Frauen beinahe ausgeglichen und liege nun bei einem Jahr. Außerdem seien die Frauen auch in den Gewerkschaften gut organisiert und hätten dort Führungspositionen inne. "Schwedens Frauen drängen zudem vermehrt in männlich dominierte Jobs", sagte Nyberg. Der Staat habe die staatliche Kinderbetreuung finanziert und Elternkarenz garantiert. "Trotz all dieser positiven Aspekte und Bemühungen haben wir seit den 80er Jahren einen Stillstand bei der Verringerung der Einkommensunterschiede", bedauerte Nyberg.

Gründe für den Stillstand ortete Nyberg in mehreren Faktoren:
So seinen Managergehälter "dramatisch" angestiegen, Frauen würden sich in diesen Positionen jedoch nur selten finden. Die Gehälter im frauendominierten öffentlichen Sektor, in dem Frauen vermehrt beschäftigt sind, seien hingegen nur schwach angestiegen. "Gute Ausbildung macht sich nicht mehr so bezahlt wie früher", kritisierte Nyberg. Frauen seien häufig Teilzeit beschäftigt und könnten auf Grund ihrer Arbeitszeiten die öffentliche Kinderbetreuung nicht in Anspruch nehmen. "Die Löhne dieser Gruppe muss angehoben werden, sie stellt die große Mehrheit der Frauen dar", forderte Nyberg. Dieses Thema stehe in der politischen Diskussion weit oben, sagte Nyberg und betonte, dass die Parteien des Landes vor den Wahlen im Jahr 2006 Antworten finden müssten. Zudem wolle die Organisation "Feminist Initiative" eine eigene politische Partei gründen.

Die bezahlte Karenz in Schweden beträgt heute 16 Monate. Das Karenzmodell sei finanziell und zeitlich sehr flexibel, betonte Nyberg. Frauen und Männer können 13 Monate lang 80 Prozent des Einkommens beziehen. 80 Prozent der Väter würden die möglichen Tage nutzen, 50 Prozent mindestens 30 Tage. Allerdings sei die Elternkarenz auch "problematisch" und zwar dann, wenn Frauen die ganze Elternkarenz in Anspruch nehmen: "Sie bleiben lange vom Arbeitsmarkt weg und verdienen beim Einstieg weniger", so Nyberg. 1995 wurde in Schweden der "Väter-Monat" eingeführt. Wenn Väter diesen Monat nicht in Anspruch nehmen, dann können ihn Frauen auch nicht beanspruchen. 1999 haben bereits 75 Prozent der Väter zumindest einen Teil der Karenz in Anspruch genommen. 2002 kam ein weiterer "Väter-Monat" dazu. (Schluss) sk

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