"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Wüst und leer" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 2005

Innsbruck (OTS) - Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser", heißt es im Alten Testament in der Genesis. Was sich um diesen Satz rankt -von der Erde, die "wüst und leer" war, bis hin zum Menschen als Abbild Gottes -, ist für (Literatur-)Wissenschafter eine Reihe grandioser sprachlicher Bilder, für Christen aber die letztgültige Erklärung für Sinn und Ziel ihres Daseins. Die einen sind überzeugt, dass Menschen in allen Kulturen sich Götter erschaffen, die anderen glauben, dass Gott die Menschen erschafffen hat.

Am Donnerstag veröffentlichte Kardinal Schönborn in der New York Times einen Artikel über den Zusammenhang zwischen Schöpfungsgeschichte und Darwins Evolutionslehre. Seit Sonntag herrscht hierzulande allgemeines Kopfschütteln. Am Montag ruderte der Wiener Erzbischof mit gewohnter rhetorischer Brillanz zurück:
Selbstverständlich wurde die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen. "Inakzeptabel" sei aber, wissenschaftliche Theorien zu Dogmen zu erheben.

Allerdings formuliert kein seriöser Naturwissenschafter seinen jeweiligen (Er-)kenntnisstand als Dogma. Das ist immer noch Sache der Kirchen. Und Glaubensinhalte sind nun einmal dadurch definiert, dass sie gegebenenfalls wider besseres Wissen behauptet werden und sich vernünftiger Argumentation oder gar empirischer Überprüfbarkeit entziehen.

Bedenklich ist das alles im Zusammenhang mit der viel zitierten Vernunft-Kritik von Papst Benedikt XVI. und der Kreationismus-Debatte, die Europa bisher nur als Skurrilität gestreift hat, während in den USA bereits in etlichen naturwissenschaftlichen Lehrbüchern die Bibel gleichberechtigt neben der Evolutionslehre steht. Dass Schönborn - nach eigener Aussage ermuntert vom Papst - einen Versuchsballon ausgerechnet über diesem Feld des schauerlichsten Obskurantismus steigen hat lassen, macht einmal mehr deutlich: Die Führung der katholischen Kirche denkt nicht daran, zurück in die Zukunft zu finden.

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