"Kleine Zeitung" Kommentar: "Srebrenica: Ein Schandmal der Schuld ohne Sühne" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 11.7.2005

Graz (OTS) - Es soll also bald so weit sein: EU, serbische
Regierung und lokale Medien versprachen in den letzten Tagen mehrfach, dass Ratko Mladic und Radovan Karadzic rund um den Jahrestag des Massakers im ostbosnischen Srebrenica verhaftet würden. Wir warten gespannt.

Dass die beiden Hauptverantwortlichen für das größte Kriegsverbrechen seit dem zweiten Weltkrieg auch zehn Jahre danach nicht hinter Gittern sitzen, obwohl die westlichen Geheimdienste ihnen auf der Spur sein sollen und obwohl sich bis heute mehr als 7000 Soldaten der Nato und der EU mit modernstem Militärgerät in Bosnien befinden, ist eine Peinlichkeit sondergleichen und ein Affront gegenüber den Opfern.

Ausreden dafür gab es genug. Hatten die Nato-Militärs nach Kriegsende Angst vor Anschlägen serbischer Extremisten, hieß es später, man fürchte wegen der schwer bewaffneten Bodyguards von Karadzic und Mladic um das Leben der Soldaten der Spezialkräfte - ein Argument, das jeden bewaffneten Friedenseinsatz ad absurdum führt. Kein Wunder, dass Spekulationen auftauchten, der General und sein Kompagnon hätten Absprachen mit den USA getroffen. Auch wird behauptet, dass manch westliche Regierung Enthüllungen über ihre eigene Rolle während und nach dem Bosnien-Krieg fürchtet, sollte es zum großen Showdown von Karadzic, Mladic und Milosevic vor dem UN-Tribunal kommen.

Daher verfiel man auf die Idee, die Politiker in Bosnien und Serbien zu verpflichten, Fahndung und Verhaftung der beiden selbst zu übernehmen - wohl wissend, dass es in beiden Ländern immer noch Verstrickungen zwischen den Behörden von heute und den Hetzern von damals gibt.

Für Bosnien selbst bedeutet das Ausbleiben der Verhaftungen eine Verlängerung des Stillstands: Solange die Verbrecher frei herumlaufen, bleiben alle Versuche einer Aussöhnung und Kooperation zwischen den Volksgruppen eine Farce.

Für viele Serben sind Mladic und Karadzic immer noch Helden. Allerdings scheint sich die öffentliche Meinung zu verändern: Vor kurzem tauchte ein Amateurvideo von 1995 auf. Es zeigt aus Serbien stammende Uniformierte, die sich den Segen eines Priesters holen und dann muslimische Zivilisten aus Srebrenica hinrichten. Die Bilder aus Bosnien haben die serbische Gesellschaft erschüttert. Dazu kommt, dass die Regierung um Finanzhilfen der USA und der EU fürchtet. Nur wenn man den Druck jetzt verstärkt, kann man allen klarmachen, dass es für die Region keine Zukunft gibt, ohne dass Mladic und Karadzic nach Den Haag kommen.****

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