"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie der Olympia-Sieg Londons den G-8-Gipfel überschattet" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 07.07.2005

Graz (OTS) - Könnte man das Märchen der Gebrüder Grimm vom "Hans im Glück" in die Gegenwart transferieren, hieße besagter Hans wohl Tony. Denn Tony mit Nachnamen Blair schwimmt seit Monaten auf einer Glückswelle.

Aus peinlichen Befragungen im Sog des Irak-Feldzuges konnte sich der britische Premier herauswinden und mangels ernst zu nehmender Gegner die Unterhauswahl gewinnen. Der geplatzte EU-Gipfel in Brüssel und die tiefe Krise der Union werden Blair auch nicht angelastet, weil er ausgerechnet jetzt turnusgemäß EU-Ratsvorsitzender ist und als solcher kühne Reformpläne für die Union ankündigen kann.

Und nun ein noch größeres Glück: Als Gastgeber des G-8-Gipfels, umgeben von den Mächtigen dieser Welt, erfährt Blair, dass nicht Paris, sondern London 2012 olympischer Nabel der Sportwelt sein wird.

Damit haben die zuletzt ohnedies großen Differenzen zwischen Tony Blair und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac neue Nahrung erhalten - gerade weil beide wissen, dass die Wahl der IOC-Gewaltigen nicht aus sportlichen Erwägungen auf London fiel.

Denn die Olympia-Granden denken wirtschaftlich und politisch. Olympia muss aus IOC-Sicht ein größtmöglicher finanzieller Erfolg werden. Der "Rest" der Erwägungen basiert auf einem Mix aus geo-, real- und soziopolitischen Kriterien.

Moskau stand aus vielerlei Gründen (mangelnde Infrastruktur, Terrorgefahr, wenig Erfahrung mit Großveranstaltungen) nur der Form halber im Finale. Auch New York, das mit dem olympischen Mega-Event vor allem seine psychischen Wunden des 11. September 2001 lecken wollte, war kein Favorit.

Der hieß Paris. Doch die siegessicheren Franzosen haben die Quantität des anglophilen Blocks unterschätzt, der nach dem Ausscheiden New Yorks im zweiten Wahldurchgang den Briten voll zugute kam.

Jacques Chirac, der sich persönlich enorm für die Paris-Kandidatur eingesetzt hat, flog übel gelaunt von Singapur zum Gipfel nach Schottland. Man kann annehmen, dass Blair ihn dort mit Häme empfing, zumal Chirac in den letzten Tagen mit anti-britischen Äußerungen nicht gegeizt hat.

Der "Tony im Glück" hätte eine Olympia-Niederlage wohl leichter verkraftet als Chirac, der den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn längst überschritten hat. Jetzt ist noch unwahrscheinlicher, dass der Franzose - etwa beim Thema Afrika-Hilfe - einem Plan zustimmt, der von Blair kommt. Für den Erfolg des G-8-Gipfels wäre es daher wohl besser gewesen, Paris dürfte 2012 Olympia-Stadt sein. ****

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