"Die Presse": Leitartikel "Ein Plädoyer für null Toleranz" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 7.7.2005

Wien (OTS) - Die Rechtschreibreform ist ein ziemliches Desaster. Verweigerung ist dennoch nicht mehr als eine Pose.
Wenn unsere Kinder aus den Ferien zurückkommen, ist offiziell Schluss mit lustig: Dann ist nämlich die Übergangsfrist zu Ende, mit der die Rechtschreibreform zu Beginn des Schuljahres 1998/99 versehen worden war. Ab 1. August, erfahren wir dieser Tage vom österreichischen Bildungsministerium, sind etliche der Schreibweisen, die bisher zwar "markiert", aber nicht "gewertet" wurden, endgültig als "Fehler" zu betrachten.
Irgendwie scheint man am Minoritenplatz aber doch zu spüren, dass das eigentliche Problem dieser Reform nicht bei den Anwendern, sondern bei den Gestaltern liegt. "Im Sinne der Leistungsbeurteilungsverordnung", betont das Ministerium deshalb auf seiner Homepage, "wird auch festgehalten, dass korrekte Rechtschreibung nur ein Kriterium bei der Leistungsbeurteilung ist. Sie ist in Relation zu sprachlicher Ausdrucksfähigkeit und kreativem Inhalt zu sehen."
Will heißen: Tut leid, die Reform ist eher vertrottelt, aber so wichtig ist die Rechtschreibung dann auch wieder nicht.
Kann sie auch nicht sein, denn die neue Klarheit, die durch das Ende der Übergangsfrist signalisiert werden sollte, lässt sich nicht einmal annähernd durchhalten. Überall dort nämlich, wo der Rat für deutsche Rechtschreibung, den man im Dezember 2004 zur Reparatur des schlimmsten Unfugs installierte, "seine Beratungen noch nicht abgeschlossen hat", wo also weitere Änderungsvorschläge zu erwarten sind, solle "bei der Bewertung Toleranz geübt werden", wünscht das Ministerium.
Was, bitte schön, versteht ein Bildungsministerium im Zusammenhang mit der deutschen Rechtschreibung unter "Toleranz?" Dass Kinder, die die Rechtschreibung nicht beherrschen, nicht in der Ecke stehen müssen? Nein, "Toleranz" heißt hier, dass alte und neue Schreibweise zulässig sind. Da ist sie wieder, die gute alte österreichische Toleranz-Idee: Wo keiner was weiß, können alle leicht tolerant sein. Gegen solchen Aberwitz war Lessings traniges Toleranzgedusel im "Nathan" von nachgerade metallischer Klarheit.

Kinder, 's is alles nicht wahr: Die Rechtschreibreform ist zwar mit 1. August fix, aber gewiss ist sie nicht. Die neue "Toleranz" betrifft nämlich solche Kleinigkeiten wie "Getrennt- und Zusammenschreibung, sowie Worttrennung und Interpunktion". Und: "Für den Überschneidungsbereich von Getrennt- und Zusammenschreibung und Groß- und Kleinschreibung gilt diese Toleranzklausel ebenso." So soll es sein in der toleranten österreichischen Schule: Es weiß zwar keiner, wie man was schreibt, aber wir können uns der Gewissheit erfreuen, dass orthografisch indizierte Schulhofgemetzel bis auf Weiteres ausbleiben werden.
Haben also all jene Recht, die sich dem verunglückten Reformwerk verweigern? Die Schriftsteller, die nicht zulassen, dass ihre Werke in die neue Rechtschreibung übertragen werden, auch wenn sie für den Schulgebrauch vorgesehen sind? Die Zeitungs- und Magazinverlage, die ihre Rückkehr zur alten Rechtschreibung als revolutionären Akt gegen die Regelungswut und Sprachwillkür des deutschen Obrigkeitsstaates inszenierten?

Nein, haben sie nicht. So sehr es stimmt, dass diese Reform eine leblose Konstruktion von Bildungsbürokraten ist; so sehr es stimmt, dass man, wenn man schon eine Reform der deutschen Rechtschreibung veranstalten will, gleich ordentlich reformieren müsste statt der kleinlichen Buchstabenklauberei, die wir erlebt haben: Die öffentlichkeitswirksame Verweigerung ist inzwischen auch nichts weiter als eine Pose. Dieselbe Ignoranz, die die Rechtschreibreformer gegenüber den berufsmäßigen Anwendern des Werkzeugs Sprache erkennen ließen, legen diese nun gegenüber den zukünftigen Sprachanwendern an den Tag: Wie wollen die Damen und Herren Verleger den heutigen Schulkindern erklären, dass das, was sie in der Schule gelernt haben, in den Büchern, Magazinen und Zeitungen, die sie bitte schön möglichst zahlreich konsumieren sollen, keinen Niederschlag findet? Jetzt ist nicht die Besserwisserei beleidigter Bildungsbürger gefragt (so wahnsinnig logisch ist übrigens die "alte" Rechtschreibung auch wieder nicht gewesen), sondern ein zügiger Abschluss des Reformprojekts, damit in unseren Schulen endlich wieder klar wird, was korrekt ist und was nicht. Es gibt in der geschriebenen Sprache nur zwei Möglichkeiten: Laissez faire oder Zero tolerance. Im Begriff "Rechtschreibung" ist die Entscheidung für die Null-Toleranz bereits enthalten.

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