WirtschaftsBlatt Kommentar vom 7.7.2005: Mehr als nur Blechschaden bei VW - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Volkswagen, Deutschlands Wirtschaftswunder-Modell schlechthin, hat sein Image einem Crash-Test ausgesetzt, den man mit Lebenden nicht veranstalten dürfte. Volkswagen ist für Deutschland das, was die Swissair für die Schweiz und die Titanic für die Dampfschifffahrt war: ein Mythos des technischen Fortschritts. Deswegen kann VW auch nicht aufgekauft werden - ein eigenes VW-Gesetz verbietet Aktionären, in der Hauptversammlung mehr als 20 Prozent der Stimmen in die Waagschale zu werfen. Das Bundesland Niedersachsen ist mit 18 Prozent der stärkste Eigentümer. Damit ist der Staat bereits dick drin - erster Minuspunkt.
Der zweite ist die aktuelle Schmiergeldaffäre. Sich Betriebsräte unter so luxuriösen Bedingungen zu halten, als wären es Panda-Bären, ist die bisher merkwürdigste Form der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen. VW hatte tatsächlich ein fortschrittliches Modell gefunden, um Produktionserfordernisse mit den Wünschen der Arbeitnehmer zu synchronisieren. Sogar die Vier-Tage-Woche ist im Paket. Inzwischen aber nagt nicht nur bei Werktätigen, sondern auch bei manchen Managern der Verdacht, die Geschäftsgrundlage dieses VW-Sondermodells seien Lug und Trug gewesen. Schon müssen politische Parteien in die Debatte eingreifen und bekunden, dass Deutschlands Mitbestimmungsmodell intakt sei wie eh und je. Von aussen her betrachtet könnte man jetzt fragen: Ist das beruhigend?
Den Mitgliedern des Gesamtbetriebsrat werden Lustreisen auf Firmenkosten vorgeworfen, Obmann Klaus Volkert ist zurückgetreten, Personalvorstand Peter Hartz steht unter Beschuss, weil solche Methoden von irgendwem in der Geschäftsführung gebilligt worden sein müssen. Volkert wie Hartz weisen alle Vorwürfe empört von sich, aber die Vorwürfe werden immer deutlicher und mehr.
Vierter Minuspunkt mit nationaler Komponente: Dass der Familienname von Peter Hartz in Deutschland so bekannt ist wie der Gerhard Schröders, liegt daran, dass Hartz eine Serie von Kommissionen zur Arbeitmarktreform leitete.
Und fünftens: Der Ex-Personalchef der VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster, hat den Staatsanwalt am Hals. Verdacht: Umleitung von Unternehmensgeldern auf Privatkonten, Gründung von Scheinfirmen. Der VW-Konzern, dessen Produkte seit Monaten mit wenig Erfolg gesegnet sind und der einen scharfen Sparkurs steuert, hat vier platte Reifen und im Reserverad keine Luft.

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