"Kleine Zeitung" Kommentar: "G 8 oder Es geht eben nichts über echte Männer-Feindschaften" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 06.07.2005

Graz (OTS) - Tony Blair ist zweifelsohne George W. Bushs treuester Partner. Wegen der Gefolgschaft während des Irak-Kriegs musste sich der Brite sogar als "Pudel" des US-Präsidenten verhöhnen lassen. Aber wirklich honoriert hat Bush diese Treue eher selten. Und dies wird auch beim heute im schottischen Gleneagle beginnenden Gipfel der acht wichtigsten Industrienationen (G 8) nicht anders sein.

Gastgeber Blair will sich dort als Vorkämpfer gegen die Armut in Afrika und für den Klimaschutz profilieren. Bush hingegen hat schon im Vorfeld des Treffens klare Beschlüsse zur Verringerung der Treibhausgase abgeblockt und will auch den britischen Plänen für Afrika nicht vollinhaltlich folgen.

Doch diese Animositäten sind nicht die einzigen, die den Gipfel überschatten. Klappt zwischen Bush und Blair wenigsten die Chemie, so können der Brite und Frankreichs Jacques Chirac einander buchstäblich nicht riechen.

Nicht genug, dass sich die beiden gerade erst über die Zukunft der EU zerstritten haben, in der Blair jetzt auch noch den Vorsitz übernommen hat. Nicht genug, dass vor ein paar Tagen die Engländer den britischen Sieg über Frankreich in der Seeschlacht von Trafalgar vor hundert Jahren bombastisch gefeiert haben. Nicht genug, dass Chirac über die britischen Essgewohnheiten lästert.

Nein, noch schlimmer. Denn heute tobt im fernen Singapur die "Schlacht" darüber, welche Stadt die Olympischen Sommerspiele 2012 ausrichten darf. Und just Paris und London gelten als Favoriten.

Tony Blair ist schon am Sonntag nach Asien gereist, um Stimmung für London zu machen, Chirac kam erst gestern dort an. Aber der Brite muss am heutigen Entscheidungstag wieder in Gleneagle sein, um den G-8-Gipfel zu eröffnen, während der Franzose demonstrativ auf den Auftakt in Schottland pfeift und erst nach dem erhofften gallischen Olympia-Triumph über die "Söhne Albions" nach Schottland fliegt.

Dort trifft er dann - gemeinsam mit seinem deutschen Freund Gerhard Schröder - neben dem ungeliebten Tony Blair auf den ebenfalls nicht gerade hoch geschätzten George W. Bush, der seinerseits den kanadischen Premier Paul Martin nicht mag, weil sich Kanada unter dessen Führung zu einem aus der Sicht Washingtons allzu selbstbewussten Nachbarn entwickelt hat.

Kurzum: Selten war ein Treffen der Mächtigen dieser Welt von so intensiven Männer-Feindschaften überlagert. Darüber kann aus das Lächeln der "großen acht" beim traditionellen Familienfoto nicht hinwegtäuschen. ****

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