NS-Vergangenheit: Perz - Aufarbeitung der NS-Zeit hat "ganz viele Lücken"

Bailer - Gefühl, es geht zurück zur "Wiederbelebung des Opfermythos"

Wien (SK) - Es sei festzustellen, dass es in Österreich erst sehr spät zu einer Aufarbeitung der NS-Zeit gekommen sei, die überdies nicht so breit angelegt gewesen sei wie jene in Deutschland, unterstrich Friedrich Hausjell (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Universität Wien) am Dienstag im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Vom Umgang mit der NS-Zeit" anlässlich einer wissenschaftlichen Tagung der SPÖ im Renner-Institut mit dem Titel "Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteikonkurrenz und Kaltem Krieg. Das Beispiel der SPÖ". Brigitte Bailer-Galanda (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands) verwies darauf, dass sie das Gefühl habe, dass es etwa vor dem Hintergrund der Gedenkveranstaltungen zu einer Art "Wiederbelebung des Opfermythos" komme - wenn beispielsweise nur darauf fokussiert werde, wie schlecht es den Österreichern 1945 gegangen sei, ohne explizit die Rolle Österreichs während der NS-Zeit zu thematisieren. ****

Wolfgang Maderthaner (Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung) wies darauf hin, dass man die "Struktur, Mentalität und die Kulturgeschichte des Faschismus" aufarbeiten müsse, um den Prozess der Entnazifizierung "präziser zu gestalten". Bertrand Perz (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien) betonte, dass es unter Schwarz-Blau zu einer Instrumentalisierung von Geschichte gekommen sei, so dass man gerade im Kontext der Gedenkveranstaltungen von einer "historischen Eventkultur", von "Geschichte als Unterhaltung" sprechen müsse. Die Podiumsdiskussion erfolgte unter der Leitung von Karl A. Duffek vom Renner-Institut. ****

Bailer-Galanda - "Mangel an demokratiepolitischer Partizipationskultur"

Gerade bei den zahlreichen Gedenkveranstaltungen habe man nicht auf die "Kontinuitäten" hinsichtlich der NS-Zeit fokussiert, sondern darauf, wie schlecht es den Österreichern 1945 gegangen sei. Forschungsergebnisse würden "weggeschoben", so dass man davon sprechen müsse, dass man sich heute bezüglich der Aufarbeitung der NS-Zeit wieder da befinde, "wo wir in den 80ern waren", kritisierte Brigitte Bailer-Galanda vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands.

Im Rahmen der Re-Integration der Nazis sei es dazu gekommen, dass man von den ehemaligen Nationalsozialisten als "arm und irregeleitet" gesprochen hätte - womit sie als gewissermaßen "schuldlos" hingestellt worden seien. Die Affäre Kampl zeige deutlich, dass es in Österreich offenbar nach wie vor an Unrechtsbewusstsein mangle, so Bailer-Galanda mit Hinweis darauf, dass das spezifisch österreichische "Harmoniebedürfnis und Zudecken" über Jahrzehnte hinweg zu einem "Mangel an demokratiepolitischer Partizipationskultur" geführt habe. Weiters müsse in Österreich noch viel in Richtung "Täterforschung" (vor allem im Bereich der Ärzte und Juristen) unternommen werden, forderte Bailer-Galanda.

Hausjell - Journalismus tut sich "mit eigener Geschichte schwer"

Im Bereich der Medien habe es vorwiegend seitens der "Arbeiterzeitung" längerfristige Versuche gegeben, "unliebsame Wahrheiten" bezüglich der NS-Vergangenheit Österreichs zu vermitteln, betonte Friedrich Hausjell vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Unmittelbar nach dem Krieg habe es in den Medien nur eine kurze Debatte über die NS-Zeit gegeben, die schnell verebbt sei. In den 70er-Jahren sei es dann zu einer weiteren Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gekommen, etwa im "profil", führte Hausjell aus. Mit der Debatte um Waldheim sei diese Auseinandersetzung dann "breiter" geworden. Allerdings gelte es festzuhalten, dass sich die journalistische Branche vor dem Hintergrund des eigenen Involviert-Seins in die NS-Zeit "mit der eigenen Geschichte schwer tut", so Hausjell mit Blick darauf, dass der österreichische Journalismus "keine Avantgarde bei der historischen Aufklärung war".

Ziel müsse es sein, "dass die Branche die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit selbst führt", zeigte Hausjell auf. Insgesamt habe man es in Österreich verabsäumt, die Emigrierten bei ihrer Rückkehr nach Österreich "massiv zu unterstützen", auch habe man innerhalb der Medien nur in einem geringen Ausmaß eine Debatte über die Lehren aus der Vergangenheit geführt. Zudem hätte man auf die "Ausbildung junger unbelasteter Kräfte" setzen müssen, statt durch die Beschäftigung belasteter Journalisten eine negative Kontinuität zu erzeugen.

Maderthaner - Auch Austrofaschismus "massiv debattieren"

Was in Österreich fehle, sei eine "Gesellschaftsgeschichte der 50er und 60er", die erklärt, wie es zur "Re-Integration von Nazis kommen konnte", unterstrich Wolfgang Maderthaner vom Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung. Auch über den Austrofaschismus müsse in Österreich noch "massiv debattiert" werden. Österreichs Entwicklung von der Mangelwirtschaft nach dem Krieg hin zu einem Wohlfahrtsstaat sei eine "unglaubliche Erfolgsgeschichte" - man müsse in diesem Zusammenhang allerdings fragen, ob diese Erfolgsgeschichte nicht um den Preis von Verdrängung und einer nur partikulär erfolgten Entnazifizierung erkauft worden sei, präzisierte Maderthaner mit Blick darauf, dass es in Österreich zwar das "konsensuale Harmoniemodell" Wohlfahrtsstaat gegeben habe, aber gleichzeitig auch Defizite in der intellektuellen und medialen Landschaft. Wenn man in Österreich von Entnazifizierung spreche, müsse man auch den Prozess der Nazifizierung vor dem Hintergrund einer Krise der Wirtschaft, einer Krise der Politik und einer Krise des Humanen überhaupt sehen, machte Maderthaner klar.

Perz - Geschichte als Unterhaltung

Die schwarz-blaue Regierung habe den ständigen Verweis auf die Historikerkommission und die Entschädigungspolitik benutzt, um internationale Kritik zu "konterkarieren", betonte Bertrand Perz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Gerade das so genannte Gedankenjahr verdeutliche, dass es gar nicht um Gedenken gehe. Geschichte im Rahmen der Gedenkveranstaltungen sei bloß "historische Eventkultur", womit Geschichte auf die Rolle von "Unterhaltung" reduziert werde. Während Geschichte in den 80ern noch eine Art "Gegenerzählung" gewesen sei, sei Geschichte in ihrer massenmedialen Aufbereitung heute ein "gutes Geschäft", so Perz mit Blick auf die boomenden historischen Dokumentationen.

Weiters sei zu kritisieren, dass "Parteiengeschichtsschreibung" in Österreich eine "sympathisierende Geschichtsschreibung" sei, da in aller Regel Menschen aus dem Umfeld von Parteien zum Zuge kämen, was sicherlich auch an der Kleinheit des Landes liege, führte Perz aus. Bezüglich der Geschichtsschreibung der Zweiten Republik sei festzustellen, dass hier "viel mehr offen als geklärt ist", so Perz, der auf den Bereich der Deutschen Arbeitsfront verwies, der beispielsweise näher untersucht werden müsse. Auch die Rolle der Funktionäre des österreichischen Ständestaats bedürfe einer näheren Analyse, so Perz, der abschließend darauf verwies, dass es hinsichtlich der Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich "noch ganz viele Lücken" gebe. (Schluss) mb

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