• 05.07.2005, 19:14:30
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NS-Vergangenheit: Perz - Aufarbeitung der NS-Zeit hat "ganz viele Lücken"

Bailer - Gefühl, es geht zurück zur "Wiederbelebung des Opfermythos"

Wien (SK) - Es sei festzustellen, dass es in Österreich erst sehr
spät zu einer Aufarbeitung der NS-Zeit gekommen sei, die überdies
nicht so breit angelegt gewesen sei wie jene in Deutschland,
unterstrich Friedrich Hausjell (Institut für Publizistik und
Kommunikationswissenschaft, Universität Wien) am Dienstag im Rahmen
einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Vom Umgang mit der NS-Zeit"
anlässlich einer wissenschaftlichen Tagung der SPÖ im Renner-Institut
mit dem Titel "Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch,
Parteikonkurrenz und Kaltem Krieg. Das Beispiel der SPÖ". Brigitte
Bailer-Galanda (Dokumentationsarchiv des Österreichischen
Widerstands) verwies darauf, dass sie das Gefühl habe, dass es etwa
vor dem Hintergrund der Gedenkveranstaltungen zu einer Art
"Wiederbelebung des Opfermythos" komme - wenn beispielsweise nur
darauf fokussiert werde, wie schlecht es den Österreichern 1945
gegangen sei, ohne explizit die Rolle Österreichs während der NS-Zeit
zu thematisieren. ****

Wolfgang Maderthaner (Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung)
wies darauf hin, dass man die "Struktur, Mentalität und die
Kulturgeschichte des Faschismus" aufarbeiten müsse, um den Prozess
der Entnazifizierung "präziser zu gestalten". Bertrand Perz (Institut
für Zeitgeschichte, Universität Wien) betonte, dass es unter
Schwarz-Blau zu einer Instrumentalisierung von Geschichte gekommen
sei, so dass man gerade im Kontext der Gedenkveranstaltungen von
einer "historischen Eventkultur", von "Geschichte als Unterhaltung"
sprechen müsse. Die Podiumsdiskussion erfolgte unter der Leitung von
Karl A. Duffek vom Renner-Institut. ****

Bailer-Galanda - "Mangel an demokratiepolitischer
Partizipationskultur"

Gerade bei den zahlreichen Gedenkveranstaltungen habe man nicht
auf die "Kontinuitäten" hinsichtlich der NS-Zeit fokussiert, sondern
darauf, wie schlecht es den Österreichern 1945 gegangen sei.
Forschungsergebnisse würden "weggeschoben", so dass man davon
sprechen müsse, dass man sich heute bezüglich der Aufarbeitung der
NS-Zeit wieder da befinde, "wo wir in den 80ern waren", kritisierte
Brigitte Bailer-Galanda vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen
Widerstands.

Im Rahmen der Re-Integration der Nazis sei es dazu gekommen, dass man
von den ehemaligen Nationalsozialisten als "arm und irregeleitet"
gesprochen hätte - womit sie als gewissermaßen "schuldlos"
hingestellt worden seien. Die Affäre Kampl zeige deutlich, dass es in
Österreich offenbar nach wie vor an Unrechtsbewusstsein mangle, so
Bailer-Galanda mit Hinweis darauf, dass das spezifisch
österreichische "Harmoniebedürfnis und Zudecken" über Jahrzehnte
hinweg zu einem "Mangel an demokratiepolitischer
Partizipationskultur" geführt habe. Weiters müsse in Österreich noch
viel in Richtung "Täterforschung" (vor allem im Bereich der Ärzte und
Juristen) unternommen werden, forderte Bailer-Galanda.

Hausjell - Journalismus tut sich "mit eigener Geschichte
schwer"

Im Bereich der Medien habe es vorwiegend seitens der
"Arbeiterzeitung" längerfristige Versuche gegeben, "unliebsame
Wahrheiten" bezüglich der NS-Vergangenheit Österreichs zu vermitteln,
betonte Friedrich Hausjell vom Institut für Publizistik und
Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Unmittelbar nach dem
Krieg habe es in den Medien nur eine kurze Debatte über die NS-Zeit
gegeben, die schnell verebbt sei. In den 70er-Jahren sei es dann zu
einer weiteren Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gekommen, etwa im
"profil", führte Hausjell aus. Mit der Debatte um Waldheim sei diese
Auseinandersetzung dann "breiter" geworden. Allerdings gelte es
festzuhalten, dass sich die journalistische Branche vor dem
Hintergrund des eigenen Involviert-Seins in die NS-Zeit "mit der
eigenen Geschichte schwer tut", so Hausjell mit Blick darauf, dass
der österreichische Journalismus "keine Avantgarde bei der
historischen Aufklärung war".

Ziel müsse es sein, "dass die Branche die Auseinandersetzung mit der
NS-Zeit selbst führt", zeigte Hausjell auf. Insgesamt habe man es in
Österreich verabsäumt, die Emigrierten bei ihrer Rückkehr nach
Österreich "massiv zu unterstützen", auch habe man innerhalb der
Medien nur in einem geringen Ausmaß eine Debatte über die Lehren aus
der Vergangenheit geführt. Zudem hätte man auf die "Ausbildung junger
unbelasteter Kräfte" setzen müssen, statt durch die Beschäftigung
belasteter Journalisten eine negative Kontinuität zu erzeugen.

Maderthaner - Auch Austrofaschismus "massiv debattieren"

Was in Österreich fehle, sei eine "Gesellschaftsgeschichte der
50er und 60er", die erklärt, wie es zur "Re-Integration von Nazis
kommen konnte", unterstrich Wolfgang Maderthaner vom Verein für
Geschichte der Arbeiterbewegung. Auch über den Austrofaschismus müsse
in Österreich noch "massiv debattiert" werden. Österreichs
Entwicklung von der Mangelwirtschaft nach dem Krieg hin zu einem
Wohlfahrtsstaat sei eine "unglaubliche Erfolgsgeschichte" - man müsse
in diesem Zusammenhang allerdings fragen, ob diese Erfolgsgeschichte
nicht um den Preis von Verdrängung und einer nur partikulär erfolgten
Entnazifizierung erkauft worden sei, präzisierte Maderthaner mit
Blick darauf, dass es in Österreich zwar das "konsensuale
Harmoniemodell" Wohlfahrtsstaat gegeben habe, aber gleichzeitig auch
Defizite in der intellektuellen und medialen Landschaft. Wenn man in
Österreich von Entnazifizierung spreche, müsse man auch den Prozess
der Nazifizierung vor dem Hintergrund einer Krise der Wirtschaft,
einer Krise der Politik und einer Krise des Humanen überhaupt sehen,
machte Maderthaner klar.

Perz - Geschichte als Unterhaltung

Die schwarz-blaue Regierung habe den ständigen Verweis auf die
Historikerkommission und die Entschädigungspolitik benutzt, um
internationale Kritik zu "konterkarieren", betonte Bertrand Perz vom
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Gerade das so
genannte Gedankenjahr verdeutliche, dass es gar nicht um Gedenken
gehe. Geschichte im Rahmen der Gedenkveranstaltungen sei bloß
"historische Eventkultur", womit Geschichte auf die Rolle von
"Unterhaltung" reduziert werde. Während Geschichte in den 80ern noch
eine Art "Gegenerzählung" gewesen sei, sei Geschichte in ihrer
massenmedialen Aufbereitung heute ein "gutes Geschäft", so Perz mit
Blick auf die boomenden historischen Dokumentationen.

Weiters sei zu kritisieren, dass "Parteiengeschichtsschreibung" in
Österreich eine "sympathisierende Geschichtsschreibung" sei, da in
aller Regel Menschen aus dem Umfeld von Parteien zum Zuge kämen, was
sicherlich auch an der Kleinheit des Landes liege, führte Perz aus.
Bezüglich der Geschichtsschreibung der Zweiten Republik sei
festzustellen, dass hier "viel mehr offen als geklärt ist", so Perz,
der auf den Bereich der Deutschen Arbeitsfront verwies, der
beispielsweise näher untersucht werden müsse. Auch die Rolle der
Funktionäre des österreichischen Ständestaats bedürfe einer näheren
Analyse, so Perz, der abschließend darauf verwies, dass es
hinsichtlich der Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich "noch ganz
viele Lücken" gebe. (Schluss) mb

Rückfragehinweis:
Pressedienst der SPÖ
Tel.: 01/53427-275
http://www.spoe.at

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