- 05.07.2005, 17:56:20
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Ein Gipfel der Gesten" von Eric Frey
Tony Blair will die Handlungsfähigkeit der G-8 bei Klimaschutz und Afrika beweisen - Ausgabe vom 6.7.2005
Wien (OTS) - Eine Verdoppelung der westlichen Entwicklungshilfe
wird die Probleme von Armut, Krankheit und Unterernährung in Afrika
nicht lösen. Auch ein Kompromiss zwischen den USA und der EU in
Sachen Klimaschutz wird die Erderwärmung nicht stoppen. Selbst ein
durchschlagender Erfolg auf dem Gipfel der acht führenden
Industrienationen in Schottland wird die Welt kaum verbessern. Was
immer in Gleneagles herauskommt - Bob Geldof, Bono und all die
anderen Künstler der Live-8- Bewegung wird eine Enttäuschung nicht
erspart bleiben. Und die Demonstranten, die mit oder ohne Gewalt
gegen die Globalisierung protestieren, werden die real existierende
Weltwirtschaft danach genauso hassen.
Dennoch bietet dieser G-8- Gipfel die Chance für eine atmosphärische
Aufhellung in der internationalen Politik. Gastgeber Tony Blair
kämpft mit aller seiner Kraft gegen den Eindruck, dass die westliche
Welt wegen ihrer Zerstrittenheit und Führungsschwäche den großen
globalen Problemen der Zeit hilflos gegenübersteht. Der radikale
Pragmatiker Blair ist überzeugt, dass selbst die tiefsten Schluchten
überbrückt werden können - zwischen den USA und Europa genauso wie
zwischen den Bankern der Londoner City und den Entwicklungshelfern in
der Sahelzone.
Sein "Plan für Afrika" soll den Beweis erbringen, dass keine Region
der Welt von den Chancen einer wachsenden globalen Marktwirtschaft
ausgeschlossen bleiben muss. Und mit dem Versuch, die USA für eine
Light-Version des Kiotoprotokolls zu gewinnen, will Blair den
Glaubenskrieg um den Klimawandel in ein gemeinsames Projekt
umwandeln, in dem mithilfe des Emissionshandels der Ausstoß der
gefährlichen Treibhausgase kostengünstig eingedämmt werden kann.
Beim Klimaschutz wären die Voraussetzungen für eine Einigung
vorhanden. Der Handel mit CO-Rechten ist in der EU angelaufen und
erweist sich als erträgliche Belastung für die europäische Industrie.
Und auch in den USA, dem größten Treibhausgasproduzenten der Welt,
wird der Ruf nach einer effektiven Klimastrategie immer lauter - vor
allem aus Arnold Schwarzeneggers Kalifornien. Wenn eine Einigung in
Schottland scheitert, dann an der Starrköpfigkeit der Bush-Regierung,
die immer noch die Erderwärmung als Fiktion betrachtet - und jede
Form des Klimaschutzes als Gift für die Wirtschaft.
Bessere Chancen auf eine Einigung bestehen bei der Afrikahilfe.
Selbst die Deutschen, die am Sinn von höherer Entwicklungshilfe am
stärksten zweifeln, sind auf den Bono-Blair-Zug aufgestiegen. Wer
kann heute noch gegen Hilfe für aidskranke und hungernde Afrikaner
sein?
Ob all das etwas nützt, wird sich erst später zeigen. Denn die
bisherige Bilanz der Entwicklungshilfe ist ernüchternd: Ein Großteil
aller Gelder für Afrika ist in den vergangenen Jahrzehnten in einem
Sumpf von Korruption, Ineffizienz und Bürgerkriegen versickert,
während in Ländern wie China und Indien die Wirtschaft praktisch ohne
Auslandshilfe boomt und die Armut dadurch sinkt.
Aber selbst Skeptiker sind inzwischen zu einem neuen Anlauf für
Afrika bereit. Prominente Ökonomen wie Jeffrey Sachs haben dafür den
Boden bereitet mit konkreten Plänen, wie mit gezielten Projekten
gegen Krankheit (vor allem Malaria) und Hunger nicht nur das Elend
bekämpft, sondern auch die wirtschaftliche Produktivität gesteigert
werden kann. Wichtiger als großzügige Gesten der G-8 wie der geplante
Schuldenerlass, der die Geberländer wenig kostet und den Empfängern
wenig bringt, sind Anreize für eine sauberere Politik sowie der
gezielte Einsatz einfacher Mittel vor Ort - vor allem Moskitonetze,
Impfungen und dürreresistentes Saatgut.
Diese Mühen der Ebene sind vom schottischen Hochland weit entfernt.
Doch Blair versucht auf seinem Gipfel zumindest, Zeichen der
Zuversicht und des Aufbruchs zu setzen. Das ist mehr, als anderen
europäischen Politikern zuletzt gelungen ist.
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Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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