Österreich 1: "Im Gespräch" im Juli: Vier große Österreicherinnen

Sophie Freud, Margarete Schütte-Lihotzky, Marie Jahoda, Maria Lassnig

Wien (OTS) - Vier große Österreicherinnen stehen im Juli im Mittelpunkt der Ö1-Reihe "Im Gespräch": Sozialpsychologin Sophie Freud (7.7.), Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (14.7.), Sozialforscherin Marie Jahoda (21.7.) und Malerin Maria Lassnig (28.7.). "Im Gespräch" ist jeden Donnerstag um 21.01 Uhr in Österreich 1 zu hören.

Ausgewählt wurden die vier Frauen aus den vielen Gesprächen mit großen Österreicherinnen, die seit 1987 "Im Gespräch" zu Gast waren, anlässlich des Gedankenjahres 2005. Sie stehen stellvertretend für die Leistungen, die Frauen in Österreich in den unterschiedlichsten Disziplinen erbracht haben, die allerdings zu oft zu gering bewertet, unterschätzt oder gar negiert wurden. Und so manche wurden in die Emigration gezwungen. Alle vier Gespräche führte Doris Stoisser.

Sophie Freud, die Enkelin Sigmund Freuds, Tochter des ältesten Freud-Sohnes Martin, ist am 7. Juli "Im Gespräch" zu hören. Im Frühjahr 1938, Sophie Freud war damals 14 Jahre alt, verließ sie Wien und ging nach Frankreich. Im Jahr 1942 wanderte sie dann - via Casablanca - mit ihrer Mutter in die USA aus, wo sie in Harvard studierte und die Sozialarbeiterschule absolvierte. Die Schriften ihres Großvaters habe sie erstmals im Jugendalter gelesen, dabei vor allem die Krankengeschichten, erzählt sie. Zu den orthodoxen Analytikern hatte Sophie Freud stets ein distanziertes Verhältnis. Freud, die jahrelang an der Universität von Boston auch Sozialarbeiter ausgebildet hat, war lange Jahre als Sozialarbeiterin in den USA tätig. "Es ist dort ein Beruf, der mit mehr therapeutischer Tätigkeit zu tun hat, als in Europa; wir sind so etwas wie die Psychologen hier", beschreibt Sophie Freud ihre Arbeit. Die Wissenschafterin publizierte im Lauf ihres Lebens eine Reihe von Arbeiten über Emanzipation und Gewalt in der Familie. Im Mai 1998 wurde Doktor Sophie Freud die österreichische Staatsbürgerschaft, die ihr von den Nazis aberkannt wurde, wieder zuerkannt.

"Im Gespräch" am 14. Juli ist Margarete Schütte-Lihotzky, die erste österreichische Architektin. Als erste und einzige Frau studierte sie von 1915 bis 1919 an der K. K. Kunstgewerbeschule in Wien. Sie habe unbedingt an der Kunstgewerbeschule studieren wollen, weil diese damals die beste Kunstschule Europas gewesen sei. Josef Hoffmann und Oskar Kokoschka zählten zu den bekanntesten Lehrern. Gemeinsam mit Adolf Loos erlebte sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Demonstrationen auf der Wiener Ringstraße, bei der Tausende Menschen nach Grund und Boden und Baumaterial verlangten, um sich durch Selbsthilfe aus ihrem Elend zu befreien. Die Wohnungsnot veranlasste Schütte-Lihotzky für die "Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs" zu arbeiten. 1926 wurde sie vom deutschen Architekten Ernst May ins Frankfurter Hochbauamt gerufen. Dort beschäftigte sie sich mit der Rationalisierung in der Hauswirtschaft. Sie entwarf die "Frankfurter Küche", die für 10.000 neue Siedlungswohnungen in Frankfurt gedacht war. "Schon 1921 habe ich mit der Stoppuhr gemessen, wieviel Zeit die Frau für welche Arbeitsabläufe in der Küche benötigt", erzählte Schütte-Lihotzky. Die Architektin engagierte sich aktiv gegen den Nationalsozialismus. Sie reiste Ende Dezember 1940 vom sicheren Istanbul nach Wien und schloss sich dem Widerstand der KP an. Am 22. Jänner 1941 wurde sie verhaftet, 1942 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Fast alle anderen Mitangeklagten wurden hingerichtet.

Die Wiener Sozialforscherin Marie Jahoda - am 21. Juli "Im Gespräch" - publizierte im Jahr 1933 eine Studie, die "Die Arbeitslosen von Marienthal" zum Inhalt hatte. Es war dies die erste große empirische Studie über die Folgen langer Arbeitslosigkeit. Von 1934 bis 1936 leitete Marie Jahoda die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, die sie, als Mitglied der Revolutionären Sozialisten, auch als Deckadresse für illegale politische Aktivitäten gegen beide Spielarten des Totalitarismus genutzt haben dürfte. Im Jahr 1936 wurde Jahoda aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verhaftet und erst nach massiven Interventionen und unter der Auflage, außer Landes zu gehen, freigelassen. Marie Jahoda wurde die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt, sie emigrierte nach Großbritannien, wo sie, nach einem Zwischenaufenthalt in den USA, ab 1958 an der Universität Sussex als Sozialpsychologin bis zu ihrer Emeritierung 1973 lehrte. Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit lag für die Wissenschafterin und Sozialdemokratin Jahoda "sehr viel tiefer als nur in der Lohntüte", das Schrecklichste daran war für sie die "soziale Isolierung der arbeitslosen Menschen".

Maria Lassnig, wohl die bekannteste österreichische Malerin, ist am 28. Juli "Im Gespräch". Auf ihren künstlerischen Durchbruch hat sie lange warten müssen. Der Grund für die späte Anerkennung mag darin liegen, dass sie immer schwer einzuordnen war. So wurden ihren Arbeiten - neben den Bildern und Grafiken eine Handvoll Animationsfilme und auch Plastiken - in den fünfziger Jahren dem Informel zugerechnet, in den sechziger und siebziger Jahren der Body-Art und der feministischen Kunst. Ihr lebenslanges Grundthema:
"Es ist sicher, ich male und zeichne nicht den 'Gegenstand' Körper, sondern ich male Empfindungen vom Körper." Trotz ihrer auf das Körpergefühl konzentrierten Inhalte lehnt es Maria Lassnig ab, als feministische Künstlerin bezeichnet zu werden. Die Kärntnerin wurde im Jahr 1941 an der Wiener Akademie der bildenden Künste in die Meisterklasse Wilhelm Dachauer aufgenommen, die sie 1943 verlassen musste, weil ihre Bilder als "entartet" bezeichnet wurden. Lassnig übernahm 1980 als erste Malerin im deutschsprachigen Raum eine Akademie-Professur - an der Hochschule für Angewandte Kunst. Im selben Jahr vertrat sie - zusammen mit Valie Export - Österreich bei der Biennale in Venedig. Als erste bildende Künstlerin erhielt Lassnig 1988 den Großen Österreichischen Staatspreis. Sie wurde auch mit dem Oskar Kokoschka-Preis und dem Max-Beckmann-Preis ausgezeichnet.

"Im Gespräch" ist immer donnerstags um 21.01 Uhr in Österreich 1 zu hören. Mehr zum Programm von Österreich 1 ist im Internet abrufbar unter http://oe1.ORF.at .(hb)

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