Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut

"Presse"-Leitartikel von Josef Urschitz

Wien (OTS) - Afrika kann man nicht mit Konzerten helfen, sondern
mit einer stärkeren Einbindung in die Weltwirtschaft.

Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut: "Live 8", das weltumspannende größte Konzertereignis aller Zeiten, hat Hunderttausende in die Konzertarenen und Milliarden vor die TV-Schirme gelockt. Es hat einer Reihe von, sagen wir, nicht mehr ganz taufrischen, in Ehren ergrauten Popstars nach längerem wieder globale Publicity und der Musikindustrie dringend benötigte PR gebracht. Und es ermöglicht dem innenpolitisch ins Abseits gelaufenen Tony Blair und seinen Kollegen aus den acht größten Industrienationen, den längst beschlossenen Schuldenerlass für die 18 ärmsten Staaten der Welt politisch noch einmal als Ergebnis des kommenden G8-Gipfels zu "verkaufen".
Ein Erfolg auf allen Linien also. Perfekt inszeniert bis hin zur Demonstration der 200.000 Globalisierungsgegner in Edinburgh ("Menschen vor Profit"). Kein Wunder, war das ganze Ereignis doch professionellst vorbereitet. Unter anderem von der Agentur freud communications des Siegmund-Freud-Urenkels, Tony Blair-Freunds und Rupert-Murdoch-Schwiegersohns Matthew Freud, der ansonsten PR für globale Konzerne wie Nike, Nestlé, Pepsi oder AOL macht.
Und jetzt gehen wir alle heim, lehnen uns zufrieden zurück und frönen dem schönen Bewusstsein, etwas für die Ärmsten der Armen in Afrika getan zu haben. Schließlich gehörte zu den "Live-8"-Forderungen auch eine Beinahe-Verdoppelung der Entwicklungshilfemittel auf 50 Milliarden Dollar im Jahr. Ein schöner Zufall, dass sich das ohnehin mit einem Plan deckt, den Tony Blair seinen G8-Kollegen vorlegen (aber wahrscheinlich nicht realisiert bekommen) wird.
Können wir jetzt ein paar banalere Dinge klären? Zum Beispiel die:
Warum geht in Sachen Armutsbekämpfung ausgerechnet in Afrika nichts weiter, während sich die früheren asiatischen Armenhäuser mit atemberaubendem Tempo aus der Armutsfalle schrauben? Und: Kann man Afrika mit mehr Geld helfen?
Zu Punkt eins: Afrika südlich der Sahara ist derzeit weitgehend ein weißer Fleck auf der Weltkarte der Wirtschaft. Es wird einfach ausgeblendet. Globalisierungskritiker, die über Neo-, Turbo- und sonstige Kapitalismen jammern, mögen das gut finden. Auch wenn es, so zynisch das klingt, nicht wenige Afrikaner gibt, die sich für mehr Wohlstand gerne "ausbeuten" ließen.
Die Misere ist, dass zu wenig privates Geld nach Afrika fließt. Und das hat politische Gründe, die auf dem Kontinent selbst liegen: Nur schwachsinnige Investoren werfen ihr sauer verdientes Geld kriminellen Kleptokraten wie etwa Zimbabwes Mugabe - von denen es in Afrika leider zu viele gibt - in den Rachen. (Außer sie profitieren selbst von den dort herrschenden Zuständen.)
Fehlende Investitionen wiederum sorgen für dominant agrarische Strukturen in den meisten afrikanischen Ländern. Ein Giftcocktail, denn ausgerechnet die Agrarmärkte der Industriestaaten sind durch hohe Subventionen zu stark abgeschottet. Die EU beispielsweise gibt mehr für Agrarsubventionen aus, als weltweit Entwicklungshilfe fließt. Sie schottet ihre Agrarmärkte also mit Hilfe von Subventionen ab - und schickt denen, die dadurch um ihre Existenz gebracht werden, dann Almosen. Ein wirklich schlüssiges Konzept.
Damit sind wir jetzt bei Punkt zwei: Nein, den Afrikanern kann mit mehr finanzieller Entwicklungshilfe nicht geholfen werden. Natürlich braucht es auch Geld. Für Aids-Bekämpfung etwa benötigt man teure Medikamente, nicht gescheite Worte über Entwicklungsstrukturen. Aber der Großteil der klassischen Entwicklungshilfe ist verlorenes Geld, weil es die eigentlichen Adressaten gar nicht erreicht. Und Entschuldung verpufft wirkungslos, wenn sie nur dazu führt, dass eine Kleptokraten-Oberschicht mehr finanziellen Spielraum für die eigenen Taschen bekommt.

Man sollte also Illusionen ablegen. Afrika kann geholfen werden, indem man in einem ersten Schritt die Agrarmärkte der Industriestaaten behutsam öffnet und in einem zweiten die Bedingungen für Investitionen in den Ländern selbst schafft, diese also stärker in die globalisierte Welt einbezieht. Das würde in vielen Fällen zumindest in der Phase der Transformation stärkere Einmischung von außen bedeuten. Ein unangenehmer Gedanke, der ein bisschen sehr nach Neokolonialismus riecht. Aber die Wahrheit ist halt manchmal unangenehm. Da ist es natürlich entschieden leichter, sein Gewissen mit einem wirkungslosen Schuldennachlass da, einer kleinen Spende dort und einem gut gemeinten Rock-Konzertchen zu beruhigen. Gute Aussichten sind das nicht.

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