"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Das grüne Risiko" (Von Johannes Huber)

Ausgabe vom 2. Juli 2005

Wien (OTS) - Die Grünen gehen auf Nummer sicher: Wann immer gewählt wird, sie sind bereit, zu regieren - mit wem auch immer (ausgenommen die Freiheitlichen).

Gewählt könnte ja schon bald werden. Dazu muss nicht mehr viel passieren: Das BZÖ setzt das Mobbing gegen "seinen" Vizekanzler Hubert Gorbach fort, nachdem dieser angekündigt hat, in die Privatwirtschaft zu gehen; Gorbach weicht dann noch vor dem Herbst, worauf der Kanzler erklärt, dass es so nicht mehr weitergehen könne -und schon sind Neuwahlen beschlossen.

Die Grünen wären nun so gut darauf vorbereitet wie keine andere Partei. Seit mehreren Jahren verkünden sie, dass sie eifrig übten, zu regieren. Wobei das mit dem honorigen Alexander Van der Bellen an der Spitze niemanden mehr zu schrecken vermag.

Das ist bemerkenswert: Vor gar nicht allzu langer Zeit ist "grün" vor allem in bürgerlichen Kreisen noch mit selbst gestrickten Jacken und Birkenstock-Schlapfen verbunden worden; und mit zotteligen Spontis, die demonstrieren, sobald auch nur ein vertrockneter Baum gefällt werden sollte.

Ausgerechnet die Volkspartei ist es gewesen, die dazu beigetragen hat, dass solche Bilder verschwunden sind. Hatten Wolfgang Schüssel und Co. im Nationalratswahlkampf 2002 noch behauptet, dass die Grünen "Haschtrafiken" eröffnen wollten, so signalisierten sie mit den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2003, dass sie sehr wohl regierungsfähig sind.

Schwarz-Grün ist seit damals "schick". Wobei sich die Grünen nunmehr auch inhaltlich ganz besonders darum bemühen, diese Variante zu befördern: Die Eurofighter sind plötzlich kein Problem mehr, Studiengebühren detto; eine ökologische Steuerreform kann sich auch auf kosmetische Veränderungen beschränken und in so sensiblen Bereichen wie der Asyl- und Drogenpolitik will man ohnehin selbst "von einer eindimensionalen Betrachtungsweise weg kommen" (Van der Bellen).

Auf der persönlichen Ebene harmonieren ÖVP- und Grünen-Vertreter auffallend gut: Wolfgang Schüssel und Van der Bellen schätzen einander. Karl-Heinz Grasser und Eva Glawischnig verbindet, dass sie sich nicht nur darum bemühen, politisch ernst genommen zu werden, sondern auch in den Klatschspalten aufzutauchen (wobei sie sich besonders heftig darüber empören, wenn sie einmal etwas weniger vorteilhaft abgebildet werden).

Der schwarz-grüne Frühling braucht die Sozialdemokraten unterdessen nicht zu verstören. Rot-Grün, durch deutsches Vorbild verpönt, wird so wenigstens kein Wahlkampfthema. Und wenn es sich danach trotzdem ausgehen sollte, Alfred Gusenbauer und Co. würden sich gewiss nicht darüber beklagen. Ganz im Gegenteil.

Als Großparteien würde es ÖVP und SPÖ ja ähnlich ergehen mit den Grünen: Nachdem diese schon im Vorfeld signalisieren, dass sie in allen Fragen kompromissbereit sind, würde sich wohl eine gedeihliche Zusammenarbeit entwickeln.

Allein die Grünen riskieren ein böses Erwachen am Abend des kommenden Wahltags: Weil sie ihr Profil immer mehr verwischen, laufen sie Gefahr, mehr Anhänger zu verlieren als neue zu gewinnen - was unterm Strich naturgemäß eine Wahlniederlage ergeben würde; ja, im schlimmsten Fall sogar eine Regierungsbeteiligung vereiteln könnte.

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