Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Immer mehr erinnert die Lage der Amerikaner im Irak
an jene in Vietnam. Sie gewinnen zwar die offenen Schlachten, bekommen das Land aber nicht unter Kontrolle. Die Partisanen, in der Lage, nach Belieben auf- und unterzutauchen und blutig zuzuschlagen, sind auch diesmal der besten Militärmacht der Welt überlegen. Zugleich bröckelt angesichts eines frustrierenden, sich über Jahre hinziehenden Krieges die moralische Unterstützung in den USA ab. Dazu bedarf es nicht manipulativer Filme so genannter Filmemacher, dazu reicht schon die objektiv feststellbare Erfolglosigkeit aus.

Offen bleibt vorerst, ob es noch eine weitere Parallele geben wird: Wird Amerika letztlich auch aus dem Irak geschlagen und gedemütigt abziehen (müssen)? Die Wahrscheinlichkeit wächst von Monat zu Monat.

In Europa würden sich viele darüber freuen, mit ihren Weltherrscher-Allüren haben sich die Amerikaner wenige Freunde gemacht. Wer an die Nach-Vietnam-Zeit denkt, wird aber vorsichtig sein: Denn die Depression, die jahre-, ja jahrzehntelang in den USA herrschte, hat auch Europa geschadet. Noch mehr geschadet hat die Niederlage der Amerikaner aber den Menschen Südostasiens: Millionen Kambodschaner ermordet; Hunderttausende Vietnamesen auf der Massenflucht auf klapprigen Booten umgekommen oder nirgendwo aufgenommen; Arbeits- und Umerziehungslager. Im Irak droht zwar bei einem Abzug Amerikas kein kommunistischer Terror, aber Bürgerkrieg, Teilung, Chaos, Einmischung der Nachbarn.

Die Lehren sind klar. Erstens: Der Sturz Saddam Husseins war nur ein sehr begrenzter Segen. Zweitens: Solange die USA die Kraft dazu haben, ist ihr Verbleib im Irak für dessen Bürger trotz allem günstig.

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Ein neues Buch mit 19 steirischen Beiträgen. Wahlkampfzeit eben. Auffällig freilich, wenn sich darin ein örtlich marktbeherrschender Großverleger für die staatliche Selbstständigkeit der Steiermark ausspricht: Ist das bloß bizarr? Will sich der Autor irgendwo anbiedern? Oder wirkt sich da gar die Abstammung des Verlegers (Kärnten) aus, wo ja in den Köpfen anderer Möchtegern-Staatsmänner gelegentlich auch der Unabhängigkeitsvirus kursiert, wenn ihnen nichts anderes mehr einfällt, um aufzufallen?

Heiter wird das Ganze, bedenkt man, dass gerade Kärnten und Steiermark massive innerösterreichische Netto-Kassierer sind. Ihre Selbständigkeit würde sie also ärmer und die anderen reicher machen. Und schallend lachen kann man schließlich nur, wenn der unabhängigkeitslüsterne Verleger in seinem Beitrag ständig beteuert, er sei aber kein Separatist. Was dieses Fremdwort wohl wieder heißen mag?

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