"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Der Dollar zeigt wieder Muskeln" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 01.07.2005

Wien (OTS) - Gut drei Jahre lang ist jetzt der Euro im Vergleich
zum Dollar von einem Rekordhoch zum nächsten geflogen - sehr zum Missfallen von Teilen der österreichischen Exportindustrie. Die Kunden im Dollarraum müssen ja mehr Geld auf den Tisch legen, wenn ihre Landeswährung im Keller herumdümpelt. Oder andersherum:
Europäische Lieferanten müssen ihre Preise senken, um im Dollarraum weiter konkurrenzfähig zu bleiben.
Trotzdem hat die österreichische Exportwirtschaft just in den USA zuletzt Marktanteile gewonnen. Das ständige Gejammer war also überflüssig und außerdem noch falsch. Insgesamt importiert Österreich nämlich mehr Waren aus dem Dollarraum, als es dorthin exportiert. Der niedrige Dollarkurs hat vor allem die Energieeinfuhren deutlich verbilligt.
Außerdem ist im letzten Jahrzehnt die Produktivität in Österreich jährlich um zwei Prozent gewachsen. Dadurch sind die Lohnstückkosten nur um 0,7 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Industrie konnte also dank der vergleichsweise billigen Energie- und Rohstoffimporte und durch diverse Kostensenkungsprogramme auch in den USA im Wettbewerb bestehen.
Jetzt dreht sich der Wind, der Dollar zeigt wieder Muskeln. Ende 2000 bis Mitte 2002 kostete ein Dollar gerade einmal 0,85 Euro. Im Vorjahr schwankte der Dollarkurs dann zwischen 1,20 und 1,35 Euro. Die Ölimporte waren dank der Dollarschwäche um gut ein Drittel billiger als zu Anfang des Jahrzehnts. Heuer hat der Euro gegenüber dem Dollar bereits um gut zehn Prozent abgewertet. Wir spüren das nicht zuletzt an der Tankstelle: Die exorbitanten Preissteigerungen bei Benzin und Diesel sind nicht nur auf den Höhenflug der Rohölpreise, sondern auch auf den gestiegenen Dollarkurs zurückzuführen.
Das Gejammer, mit dem manche Wirtschaftskreise eigene Unzulänglichkeiten überdecken, wird also weiter gehen; nur der Grund wird sich ändern. In den letzten Jahren wurde die Dollarschwäche beklagt, weil sie die Exporte zugegebenermaßen erschwert; künftig werden die Euroschwäche und die damit verbundene Verteuerung von Rohstoff- und Energieimporten Anlass für Krisengeheul geben. Tatsache bleibt, dass der Dollar seit Jahrzehnten ein zyklisches Auf und Ab kennt. Früher hat der Kurs zwischen zehn und 16 Schilling gependelt, jetzt schwankt er zwischen 0,85 und 1,35 Euro. Die Einführung des Euro hat aber dazu geführt, dass Österreich einen Großteil des Außenhandels in der eigenen Währung und damit ohne jedes Wechselkursrisiko abwickeln kann.
Damit wird das abwechselnd erklingende Gejammer über Dollar- und Euro-Schwäche hinfällig. Im Einzelfall gibt es Profiteure und Verlierer, je nach Energieabhängigkeit und Exportorientierung. Für die Volkswirtschaft insgesamt haben die Schwankungen des Dollarkurses aber immer weniger Bedeutung.

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