WirtschaftsBlatt Kommentar vom 30.6.2005: Schräge Ideen dringend gesucht - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Gerade in diesen Tagen kann man live wunderbar miterleben, wie ungeheuer kompliziert es ist, wenn in Österreich Gendarmen zu Polizisten mutieren müssen. Oder wie schrecklich zerknirscht viele Staatsbürger sind, weil plötzlich ihr vertrautes Postamt zugesperrt wird. Oder wie entsetzt die Gewerkschaft zu reagieren pflegt, wenn irgendwo das Ende der Pragmatisierung von Staatsdienern auch nur zart angedeutet wird.
In diesem Land spielt Traditionsbewusstsein eben, so unsinnig dieses bisweilen sein mag, in sämtlichen Lebensbereichen eine essenzielle Rolle. Die permanente nostalgische Tradierung von Selbstverständlichkeiten aller Art ist allerdings meist ziemlich teuer und übersteigt - was nach und nach entdeckt wird - die finanziellen Möglichkeiten der öffentlichen Hände und der an ihnen hängenden Systeme oder Betriebe. Und diese wunderbare, leider um Jahrzehnte zu spät geglückte, Erkenntnis führt erfreulicher Weise langsam, aber sicher zu einem Umdenken von revolutionärem Ausmass:
Auf einmal sind jetzt etwa auch absolut schräge Ideen erlaubt.
Ein Beispiel zur Illustration: Dass in Österreich aus ausrangierten Eisenbahnern beispiels-weise einmal Häftlingsbetreuer und Gerichtsvollzieher werden könnten, war stets ausserhalb des Bereichs jeglicher Vorstellungskraft - jetzt wird das Realität.
Oder: Dass das Bundesheer, das Kasernen verkaufen und Planposten abbauen muss, in der Not erfinderisch wird, ist ebenfalls lobenswert. Die kreative Idee etwa, brave Soldaten mit ausgeflippten Incentives zu belohnen - sprich: ihnen einen Urlaub in einer Kaserne zu ermöglichen - hat natürlich auch etwas.
Und wenn - um in ein völlig anderes Revier zu wechseln - die Regierung überraschender Weise mit der Weisung brilliert, dass die ÖIAG die Erlöse aus Privatisierungen nicht zur Schuldentilgung verwenden, sondern in Forschung & Entwicklung fliessen lassen soll, so verdient das nicht nur eine Story im WirtschaftsBlatt, sondern auch ein Extralob.
Wir sind jedenfalls überzeugt, dass man z.B. bei einem nationalen Ideen-Wettbewerb tausende unkonventionelle Vorschläge sammeln könnte, was etwa mit sinnlosen Postämtern oder joblosen Staatsbediensteten geschehen solle. So würde man viel frischen Wind nach Österreich bringen und bestimmt auch etliche Milliarden einsparen. Die originellsten Geistesblitze müssten natürlich prämiert, veröffentlicht und blitzartig realisiert werden.

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