Handke in NEWS gegen seine Kritiker: "Sie machen ihren Beruf schlecht, sie machen ihr Leben schlecht sie machen die Luft schlecht"

Wien (OTS) - Der Dichter Peter Handke, derzeit wegen eines Textes
zu Serbien medialen Attacken ausgesetzt, antwortet in der morgen erscheinenden NEWS-Ausgabe. Sein Vorwurf: Entstellung seines Textes und seiner Absichten durch die Rezensenten. Handke wurde unter anderem vorgeworfen, das Massaker von Srebrenica (1995) zu bagatellisieren.

Handke zu NEWS: "Ich wollte erzählen, was vor den verschiedenen Massakern von Srebrenica im Juli 1995 in den serbischen Dörfern rundherum passiert ist. Weil das ja nirgends erzählt wird, weil niemand es weiß, weil es verschwiegen wird. Ich finde sehr einleuchtend, was mir die paar überbleibenden Leute von Srebrenica erzählten, als sie endlich einmal reden durften: wie 1993 die serbischen Dörfer von den moslemischen Inhabern Srebrenicas massakriert wurden. Damals waren die Serben dort noch nicht einmal als Armee organisiert, denn sonst hätten Massaker wie das von Kravica gar nicht stattfinden können, als zu den orthodoxen Weihnachten über hundert Leute gemeuchelt wurden. Es wird immer nur gesagt, dass 7.000 Leute umgebracht wurden. Das ist ja nicht anzuzweifeln, kein vernünftiger Mensch wird das tun. Man kann dieses Massaker auch nicht erklären, schon gar nicht verzeihen. Aber die Entstehungsgeschichte zu verstehen, das wird nicht einmal versucht. Deshalb will ich die Ursachen erforschen. Ich erzähle. Meine Sprache ist eine erzählende. Ich kenne keine andere."

Doch, so Handke zu den Rezensionen seines Textes: "Da steht kein Wort von dem, worauf der Text eigentlich zuläuft, was vorher in den fünfzig, sechzig serbischen Dörfern um Srebrenica war! Kein Wort von dem, worum es mir am meisten ging: dass ich die Flüchtlinge besucht habe, die im Norden von Belgrad dahinvegetieren. Nur deshalb habe ich den Text geschrieben. Der amerikanische Verleger, der seinerzeit meine "Winterliche Reise" auf Englisch herausgebracht hat, sagte mir:
Nach dieser Lektüre erscheinen ihm alle anderen Texte zu Jugoslawien pornographisch. Und die Reaktionen jetzt, in fast allen großdeutschen Zeitungen, sind noch eine gesteigerte Form der Pornographie. Es ist, als ob man auf zwei verschiedenen Planeten wäre. Das hat gar nichts zu tun mit dem, was ich gesehen habe, was ich denke, was ich formuliere. Überhaupt nichts. Das ist eine andere Sprache gegen meine forschende und suchende Sprache. Da ist kein Lesen mehr, und wenn man bei einem, der einen kritischen Text schreibt, das Lesen nicht mehr spürt, kommt dieser Mensch als zu Lesender nicht in Frage. Dann verdient er nicht einmal den Namen Journalist. Die wollen nichts nahebringen, sondern einen Text sofort unlesbar machen für die paar noch zögernden Menschen. Die Leser konnten sich meinen Text noch gar nicht kaufen, noch gar nicht nachprüfen, was da steht, da wurde er ihnen schon entfernt. "

"Das Schlimmste", so Handke weiter, "war die Überschrift in der FAZ: ,Besuch bei Slobodan’. Jeder weiß, dass ich ,Slobodan’ nicht einmal mündlich verwenden würde, auch nicht ,Slobo’ wie die Jugoslawen. Ich sage immer ,Milosevic’ oder ,Slobodan Milosevic’. Nun habe ich beim Schreiben einmal den Familiennamen vergessen. Die Redaktion hatte mir den Text nicht zur Korrektur geschickt, und ich bin selber zusammengezuckt, als ich dann las, dass da nur ,Slobodan’ steht. Aber das zur Überschrift zu machen und zu sagen, ich benenne ihn ,fast zärtlich Slobodan’ ... das hatte nicht einmal ich erwartet."

Zum Thema Jugoslawien werde er sich fortan nicht mehr äußern, schließt Handke das NEWS-Interview."Das war es. Ich wollte, das, was ich gesagt habe, noch einmal sagen. Und Ihnen sage ich: Das Schlimmste heute ist die sogenannte Qualitätspresse. Das sind schlechte Leute, ästhetisch, moralisch, human. Schlechte Leute und schlechte Journalisten, das gehört ja alles zusammen. Sie machen ihren Beruf schlecht, sie machen ihr Leben schlecht, sie machen die Wörter schlecht, sie machen die Luft schlecht, und es wird wahrscheinlich nie aufhören und immer so weitergehen. Aber erst einmal gibt es jetzt den Text, und vielleicht kommt eine Gegenbewegung mit frei werdenden Augen."

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