Wiener Zeitung:Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Erleichterung macht sich breit: Die Ministerin versichert, es werde keinen Numerus clausus an Österreichs Universitäten geben (nämlich in jenen Fächern, die nach dem unmittelbar bevorstehenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs vermutlich von deutschen Studenten gestürmt werden). Sondern nur ein "Aufnahmeverfahren".

Nun sei nicht spekuliert, ob das EuGH-Urteil wirklich kommt, ob es so kommt wie erwartet, und ob wirklich so viel Deutsche kommen werden. Es sei auch nicht auf die rechtswidrigen Vorschläge einiger Oppositionsabgeordneter eingegangen, die wieder einen Vorrang für Österreicher vor allen anderen EU-Bürgern konstruieren wollen; das würde nur das Schlawiner-Image der Alpenrepublik intensivieren und zu einer Geldstrafe führen.

Gefragt werden aber sollte die Ministerin schon, was an einem Aufnahmeverfahren besser ist als am Numerus clausus: Denn ein Verfahren bedeutet ja die Entscheidung über eine Studienberechtigung an Hand der Zufallsform eines Tages. Ist da nicht doch das Maturazeugnis gerechter? Diese fasst ja immerhin mehrere Jahre zusammen.

Gewiss muss man dann den Unterschied zwischen den einzelnen Gymnasien und Bundesländern - so wie in Deutschland - austarieren. Manche Schulen schenken ja die Zeugnisse schon her, während andere noch konsequent Leistungen verlangen. Oder traut man den Schulen überhaupt nicht mehr über den Weg?

*

Manche Berichte lassen es freilich als durchaus berechtigt erscheinen, wenn das Misstrauen gegen die Schulen wächst. Da hat gerade eine empörte AHS-Lehrerin von einem besonders eklatanten Schummel-Versuch bei der Matura berichtet: Ein Schüler recherchierte bei der Vorbereitung auf die mündliche Prüfung direkt im Prüfungssaal via Handy und wurde vom Vorsitzenden dabei erwischt. Konsequenz:
Null. Außer dass der junge Mann halt eine andere Frage bekommt. Man wird's doch noch versuchen dürfen. Ob dadurch der Respekt vor Leistung und Schule gesteigert worden ist?

*

Und am gleichen Tag trompetet der SPÖ-Bildungssprecher, dass es nur ja keine neuen Disziplinierungsmaßnahmen für Schüler geben dürfe. Wichtiger wäre Supervision für Lehrer. Und einer aus der Zunft der Psychiater - nach Politikern und Juristen das dritte Übel, das über die Schulen gekommen ist - verlangt, wir sollten uns eher mit der Kälte in Familie und Gesellschaft befassen. Es ist ja wirklich unerträgliche neoliberale Kälte, dass der telefonierende Schüler seine Handy-Rechnung selbst bezahlen muss.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001