WirtschaftsBlatt Kommentar vom 29.6.2005: Auch Bildung muss grenzenlos werden - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Das befürchtete EuGH-Urteil über die Öffnung der österreichischen Universitäten wird fast ausschliesslich unter dem Stichwort "Studentenschwemme" behandelt - und was man dagegen tun könne. Solche Überlegungen sind wichtig und führen hoffentlich zu richtigen Massnahmen.
Der ängstliche Österreich-Bezug ist aber nur ein kleiner Aspekt einer grossräumigen Entwicklung. Studieren wird immer stärker zum internationalen Ereignis. Dazu haben in klassischen Zeiten die Amerikaner mit ihren Fulbright-Stipendien und anderen Fellowships beigetragen, dann zogen die Europäer dank der EU nach. Wer gut ist und will, kriegt das Stipendium an irgend einer Universität Europas -selbstverständlich auch an osteuropäischen, die für Österreicher besonders interessant sein könnten. Allein im zu Ende gehenden Studienjahr 2004/05 nahmen rund 4000 Studentinnen und Studenten aus Österreich ein Erasmus-Stipendium der EU in Anspruch. Von den Hochschulabsolventen hat bereits jeder dritte auch im Ausland studiert.
Freilich, ein Stipendium ist so viel wert wie der Stipendiat daraus macht. Zur geographischen Mobilität muss die geistige kommen. Denn im Prinzip geht es um nichts anderes, als dass Studentinnen und Studenten aufhören, ausschliesslich in nationalen Kategorien zu denken, so als sei das zweisemestrige Studium im Ausland eine abwechs-lungsreiche Ausfahrt mit sicherer Rückkehr.
Eine Diplom- und erst recht die Doktorarbeit müsste aber nach heutigen Bedingungen als internationales Ereignis angelegt werden. Also mindestens auch in Deutschland ankommen - das Internet ist ja schon erfunden, aber nach Möglichkeit auch im englischsprachigen Raum, der den globalen Durchbruch ebnet. An manchen Hochschulen wird diese Tendenz systematisch gefördert, die wissenschaftliche Arbeit erscheint von vornherein in englischer Sprache und ist weit mehr als ein Beleg dafür, dass der Akademiker handwerkliche Voraussetzungen für den globalen Auftritt besitzt. Vielmehr sollte die Arbeit mit den sich dabei ergebenden Kontakten und Vernetzungen den internationalen Operationsraum öffnen, der fortan erschlossen werden kann.
Die Bewusstseinsbildung hinkt noch ein wenig nach, sollte es aber nicht länger. Die drohende Überflutung mit deutschen Numerus-Clausus-Flüchtlingen ist nur ein Thema. Ein anderes aber, dass Österreichs Hochschüler es sich nicht in geistigen Indianerreservaten bequem machen dürfen.

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