Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Bulgariens Bürger haben gewählt. Und einen Erdrutsch hin zu den Exkommunisten und Rechtsradikalen ausgelöst. Bravo! Das ist genau das, was sich die EU in einer Phase der tiefen Verunsicherung von ihren neuen Mitgliedern wünscht. Genau das hat Europa als Ermunterung gebraucht, um wenigstens den Beitrittsprozess von Rumänien und Bulgarien trotz aller Krisen durchzuziehen.

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Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl will "Spekulation in jeder Form unterbinden". Der Satz mag zwar mehrheitsfähig sein. Er zeugt aber dennoch von Unverständnis hinsichtlich des Funktionierens der Wirtschaft. Nach dem Leitl-Prinzip müssten als erstes die Börsen geschlossen werden; die leben ja von "Spekulation". Jeder der eine Aktie kauft, spekuliert damit, dass sie einmal mehr wert sein wird als eine Anlage auf dem Sparbuch. Jeder Kaufmann spekuliert damit, dass er gekaufte Waren zu einem höheren Preis verkaufen kann. Menschen bohren nach Öl, auch an unzugänglichen Stellen, weil sie und ihre Geldgeber damit spekulieren, dass der Ölpreis steigen wird und sich damit auch teure Explorationsmethoden rechnen. Menschen bauen Möbelfabriken, weil sie mit einem bestimmten Mindestpreis für Möbel spekulieren. Je tiefer Ökonomen in die Materie eindringen, umso sicherer sind sie, dass sich die "gute" nicht von "böser" Spekulation trennen lässt. Außer wir sind bereit, einen der wichtigsten Antriebe unseres Wirtschaftssystems auszuschalten oder in die Illegalität zu verdrängen.

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Interessant auch Leitls Vorschlag, die Jugendarbeitslosigkeit durch "Coaching" beseitigen zu wollen. Was meint er eigentlich damit? Dass ein Lehrling in der Früh "Grüß Gott" oder "Guten Morgen" sagen sollte, wenn er die Firma betritt? Das wäre schön (wenn auch wohl nicht ausreichend, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen) - freilich waren es früher die Eltern, die Umgangsformen vermittelt haben. Aber vielleicht müssen bezahlte Trainer künftig auch die letzten Funktionen der Familie übernehmen.

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Das Donauinselfest, der Höhepunkt des alljährlichen "Panem et circenses" in Wien, ist zu Ende. Hunderttausende konnten sich auf Steuerzahlers Kosten an jenen Musikanten erfreuen, für deren Künste sie sonst viel zahlen müssen. Die anderen mitzahlenden Hunderttausenden durften sich abendelang an den über die Stadt dröhnenden Bässen erfreuen. Und irgendwo spielt da auch noch eine Partei eine Rolle (so wie beim Stadtfest eine andere). Und damit hat alles seine österreichische Ordnung.

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