Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Tony Blair hat recht: Europa braucht dringend
Reformen. Schon hat der Kontinent sein bisheriges ehrgeiziges Ziel aufgegeben, 2010 zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt zu werden. Aber wenn Europa nicht begreift, dass es sich gravierend ändern muss, dann wird es einmal vielleicht sogar zu einer der Armutsregionen der Welt zu werden.

Man sollte Blair genau zuhören: Er hat nicht nur zu Recht davon gesprochen, dass wir uns die geldverschwendende Agrarpolitik nicht mehr lange leisten werden können - was die Linken Europas mit Begeisterung vernommen haben -, er hat auch von gravierenden Einschnitten in den Wohlfahrtsstaat gesprochen, etwa von einer Flexibilisierung der Arbeitsmärkte. Also davon, dass es keine kündigungsgeschützten Jobs mehr geben darf, dass Arbeitsnehmer die Übernahme anderer Arbeiten oder Arbeitsplätze nicht einfach ablehnen können. Das hört man auf der europäischen Linken freilich weniger gern.

Beides aber ist dringend notwendig, wenn wir in die Zukunft investieren wollen. Chinesen und Inder, als die künftigen großen Spieler dieser Welt, müssen all diese Lasten auf der Wirtschaft nicht finanzieren. Böder als die Europäer sind sie ganz gewiss auch nicht. Sie waren nur bisher durch kommunistische beziehungsweise sozialistische Misswirtschaft arg in der Entwicklung behindert. Seit Einführung der Marktwirtschaft zeigen sie aber, welche Kraft in Asien steckt. Schon wandern die ersten Europäer aus, um sich als Gastarbeiter in Indien zu verdingen.

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Tony Blair hat absolut nicht recht, wenn er uns glaubhaft machen will, dass er ein Vorkämpfer einer politischen Einigung Europas -samt Großbritannien - sei, und dass man zugleich für den Beitritt der Türkei sein kann. Das ist schlicht absurd. Dieser Beitritt wäre das Ende jeder weiteren Integration.

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Niemand solle den jüngsten ÖGB-internen Zusammenschluss als Zeichen der Schwäche interpretieren. Vielmehr hat zu gelten:
Österreichs Eisenbahnergewerkschaft wird jetzt noch stärker. Denn ihr schließen sich jetzt auch die Fußpfleger an. Wenn das nicht zukunftsweisend ist! Vielleicht könnte man deren Dienstleistungen auch in den Zügen der ÖBB anbieten.

Umgekehrt könnten aber die Fußpfleger meinen, dass sie ab nun die sozialen Privilegien von Eisenbahnern oder Piloten genießen werden. Damit freilich würden sie sich sehr rasch aus dem Job katapultieren. Was Eisenbahnern ja nicht wirklich passieren kann.

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