KHOL: NS-ABLEHNUNG IN ÖSTERREICH IST EINDEUTIG UND KLAR Podiumsdiskussion zum Geschichtsbild der Österreicher

Wien (PK) - „Das sind eingealterte Vorurteile von Menschen, die zu einer Revision ihrer Meinungen nicht mehr fähig sind", sagte Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol gestern Abend im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Marmorsaal des Belvedere zu den Aussagen der Bundesräte Kampl und Gudenus. Khol diskutierte mit der Historikerin Helene Maimann und Hannes Androsch unter der Leitung von KURIER-Herausgeber Peter Rabl zum Thema „Die Österreicher und ihr Geschichtsbild".

Der Nationalratspräsident betonte, dass sowohl Kampl, der von einer „brutalen Naziverfolgung" nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen hat, als auch Gudenus, der die Existenz von NS-Gaskammern relativiert hat, ausgesprochene Einzelmeinungen vertreten würden. „Je mehr Österreich nach 1945 zu einer Staats- und Kulturnation gewachsen ist, umso mehr wurde die NS-Ideologie abgelehnt. Heute ist die Ablehnung über alle Parteigrenzen hinweg eindeutig und klar. Die politische Führungsschicht hat klar definiert, was sie von den Aussagen der beiden Bundesräte hält."

Österreich habe sich zudem in den letzten Jahren von der reinen Opferrolle verabschiedet. „Österreich war natürlich ein Opfer, aber es gab auch viele Täterinnen und Täter, für die wir Verantwortung tragen", so Khol, der darauf hinwies, dass die Aussagen Kampls anders zu beurteilen gewesen wären, hätte er von einer scharfen Entnazifizierung nach 1945 gesprochen. „Diese hat es tatsächlich gegeben, aber das war keine Verfolgung, sondern die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden gesühnt." Khol widersprach in diesem Zusammenhang der Historikerin Maimann, die eine Aufarbeitung der NS-Zeit erst ab den 80er Jahren erkennen wollte. „Das war die zweite Phase, die erste hat in den Jahren 1945 bis 1948 stattgefunden, als es 43 Todesurteile gab, von denen an die 30 auch vollstreckt wurden."

Bezüglich der Verfassungsänderung betreffend den Vorsitz im Bundesrat sagte Khol, dass diese über Anlassgesetzgebung hinausgehe. „Bis zu dieser Änderung wurde der Bestgereihte Bundesratsvorsitzender, aber erst Jahre nach dem er vom Landtag dazu bestimmt wurde. Man hätte die jetzige Änderung mit der Möglichkeit der Umreihung schon viel früher durchführen sollen." Für die Parteien seien die Fälle Kampl und Gudenus ein Auftrag, ihre Mandatare in Zukunft sorgfältiger auszuwählen.

Der Nationalratspräsident verwies im Laufe der Diskussion mehrmals darauf, dass die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte wichtig sei. „Wenn wir nicht wissen woher wir kommen, wissen wir nicht wohin wir gehen." So sei didaktisch anzudenken, zeitgeschichtliche Dokumentationen wie jene von Hugo Portisch, die anlässlich des Gedankenjahres im ORF ausgestrahlt wurde, in den letzten Schulwochen in den Unterricht zu integrieren. Gerade Schüler als junge Menschen benötigten eine intensive Beschäftigung mit Zeitgeschichte.

Bezugnehmend auf die Geschichte der Jahre 1933 und 1934 sagte Khol, man habe diese nach 1945 nicht abgearbeitet, weil sich die großen Lager im konsens- und auch mythenbildenden „Geist der Lagerstraße" getroffen hätten. Das sei Teil der Opfertheorie gewesen, die Österreich über Jahre verfolgt habe. Dementsprechend sei man sich heute zwar in der Einschätzung einig, dass der Bürgerkrieg ein Fehler gewesen sei und es sich beim Ständestaat um eine Diktatur gehandelt habe. In der Beurteilung der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß durch die Nationalsozialisten und des Ständestaates als solches herrsche aber keine Einigkeit. „Die einen sind im Gleichklang mit internationalen Faschismustheoretikern der Auffassung, dass der Ständestaat den Anschluss um vier Jahre verzögert hat. Die anderen ziehen den Vergleich der Demokratie mit einem Apfel, der wurmig geworden ist und meinen, wäre Österreich demokratisch geblieben, hätte man 1938 Widerstand geleistet."

Zur Nationsfrage sagte Khol, dass die Geburt der österreichischen Nation nach 1945 begonnen habe und sich seither systematisch entwickelt habe. Noch in den 70er Jahren sei das Bekenntnis zur österreichischen Nation in Umfragen deutlich geringer ausgefallen als heute. (Schluss)

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