"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kopf und Magen: Beim Schnitzel kommt es auf die Reihenfolge an" (von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 23.06.2005

Graz (OTS) - Unbemerkt von der Öffentlichkeit geht seit wenigen Stunden wieder ein Test durchs Land: Wie sicher fühlen sich die Österreicher beim Fleischeinkauf? Wie beeinflusst eine tote Kuh namens Brüna das Konsumverhalten der acht Millionen Alpenrepublikaner?

Die Fragen klingen absurd, doch sie sind angebracht. Schon einmal hat eine einzige tote Kuh unter 550.000 Schlachtungen der ganzen heimischen Rinderbranche enorm geschadet. 13.000 Landwirte oder fast jeder achte der damaligen Milchbauern und Rindermäster machten in der so genannten BSE-Krise von 2000 bis 2002 zum letzten Mal die Stalltür hinter sich zu. Archivbilder von torkelnden britischen Kühen wirkten stärker auf das Bewusstsein der Konsumenten als die rationalen Argumente der Landwirtschaft.

Seither sind in Österreich wieder rund zwei Millionen Rinder geschlachtet worden, fast die Hälfte davon wurden auf BSE getestet. Diese Sicherheit war den Konsumenten 15 Millionen Euro wert. Und jetzt ist Brüna tot. Nur noch 85.000 Rinderbauern und Milchkuhhalter stellen sich die bange Frage, ob sie wegen einer BSE-Infektionsrate von 0,002 Prozent - bei Rindern, nicht bei Menschen - wieder in ihrer Existenz bedroht werden.

Die Möglichkeit der Bauern, die Konsumenten zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sind im Vergleich zu den Werbekampagnen des Handels verschwindend gering. Die Ketten haben kein Interesse daran, dass die Konsumenten nicht verunsichert sind. Geht der Rindfleischkonsum zurück, wird das eben mit Schwein oder Geflügel wettgemacht. Und der Druck auf den Rindfleischpreis ist nur gut für die Handelsspanne.

Die Konsumenten können jetzt zeigen, ob sie noch einen letzten Rest an Immunität gegenüber der Verführungsmacht des Handels haben und ob sie unsere Bauern und ihre Produkte verdienen. Denn die Landwirtschaft hat große Schritte in Richtung Lebensmittelsicherheit gemacht. Vor dem Jahr 2000 gab es keine BSE-Tests und für die Konsumenten war alles in Ordnung. Seither wurden 900.000 tote Tiere getestet, und eine - noch dazu ursächlich ungeklärte - Infizierung von zwei Rindern soll eine Katastrophe sein?

Fleischeinkauf war schon immer eine besondere Vertrauenssache. Der Bürger entscheidet beim Einkauf mit dem Kopf und urteilt beim Verzehr mit den Sinnen und dem Magen. Es gibt keinen Grund, diese bewährte Reihenfolge in Frage zu stellen. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001