"Die Presse" Leitartikel:"BSE ist gefährlich - aber Panik ist nicht angesagt" (von Martin Kugler)

Ausgabe vom 23.6.2005

Wien (OTS) - Der Rinderwahn ist eine unausrottbare Krankheit, die Sicherheitsmaßnahmen müssen deshalb weiterlaufen.
Die große öffentliche Aufregung um den jüngsten heimischen BSE-Fall ist bisher ausgeblieben. Zum Glück. Denn nach dem ersten Auftreten von BSE in Österreich Ende 2001 kam es zu richtiggehenden Panikreaktionen - mit Konsumverweigerung, Preisverfall und langfristigem Schaden für alle. Damals war das Problem, angefacht durch die gleichzeitige BSE-Hysterie in Deutschland, für die Österreicher neu. Nun ist die Luft offenbar aus dem Thema draußen:
Die Menschen haben, so scheint's, gelernt, dass Österreich keine Insel ist, dass die Probleme in anderen Staaten auch an unseren Grenzen nicht halt machen.
Seinen Schrecken hat der "Rinderwahnsinn" natürlich nicht verloren. Wenn die vorherrschende wissenschaftliche Meinung Recht behält -Zweifel daran äußern nur wenige -, dann können die sogenannten Prionen in den Gehirnen der kranken Tiere beim Menschen die "neue Variante" der gefürchteten Creutzfeld-Jakob-Krankheit auslösen. Weltweit sind daran bisher rund 175 Menschen gestorben, der Großteil davon in Großbritannien. Wo es ja mit Abstand die meisten BSE-Fälle gab.
Sowohl in Brüssel als auch in Wien versichert die Politik, dass die vor vier Jahren eingeführten Sicherheitssysteme funktionieren und dass Fleisch von infizierten Tieren nicht in die Nahrungskette gelangen kann. Als Argument strapaziert wird dabei vor allem der BSE-Test: Da jedes Schlachttier älter als 30 Monate mit einem Schnelltest überprüft wird, könne man jegliches Risiko ausschalten, wird argumentiert.
Das wäre schön, ist aber leider falsch. Sinn der BSE-Schnelltests ist es, den Behörden und der Wissenschaft einen Überblick über die Entwicklung der Krankheit zu verschaffen - etwa um weitere Maßnahmen besser planen zu können. Im Einzelfall ist der nicht hundertprozentig genaue Test nicht dafür geeignet, BSE völlig auszuschließen. Viel wichtiger als die Tests sind deshalb die anderen Maßnahmen: an erster Stelle das Entfernen von Risikomaterialien wie Gehirn, Rückenmark oder Lymphknoten, in denen die krankhaft veränderten Prionen in großen Mengen auftreten. Und um die Verbreitung von BSE einzudämmen, ist das Verfüttern von Tiermehl verboten. Schlampige Sterilisation von Schlachtabfällen war ja sehr wahrscheinlich der Auslöser für die bislang 185.000 Erkrankungen von Rindern in Großbritannien - und in Folge auch für die rund 5000 Fälle im restlichen Europa.
BSE wurde durch die fragwürdigen Praktiken der Futtermittelindustrie zu einem Negativ-Symbol für eine industrialisierte Landwirtschaft, die die natürlichen Zusammenhänge vernachlässigt, die sich "an der Natur versündigt". Dass die Wahrheit etwas komplizierter ist, wird durch den nunmehrigen BSE-Fall aus dem Kleinwalsertal unterstrichen. Die Kuh "Brüna" - vorarlbergisch für Brunhilde - wurde auf einem kleinen Bergbauernhof geboren, der Bauer hat keine Tiere zugekauft, und die Rinder standen die meiste Zeit des Jahres auf der Weide. Von industrieller Landwirtschaft also keine Spur.
Die Lehre daraus? Wir wissen über BSE noch viel zu wenig, um endgültige Aussagen über die künftige Entwicklung des Rinderwahns zu treffen. Verschärft wird dieses Problem noch dadurch, dass offenbar auch Ziegen an BSE erkranken können. Zudem geht die Angst um, dass auch Schafe betroffen sein könnten. Deshalb werden vor allem in Großbritannien ausgedehnte Testreihen durchgeführt.

Erneut in Panik zu verfallen, ist trotzdem die schlimmste aller möglichen Reaktion auf den zweiten heimischen BSE-Fall. Der Rinderwahn ist und bleibt eine relativ seltene Krankheit. Gerade Österreich zählt zu jenen Staaten, die ein sehr geringes Risiko aufweisen - laut Expertenmeinung wird sich das auch so bald nicht ändern. Zudem man muss der Tatsache ins Auge sehen, dass der Rinderwahn unausrottbar ist, weil er auch spontan, ohne vorherige Infektion auftritt. Und man muss das akzeptieren.
Umso wichtiger ist es deshalb, bei den Sicherheitssystemen keine Abstriche zu machen. Und nicht zuzulassen, dass die Politik dem Druck, angeblich durch die italienische Fleischlobby, auf eine Aufweichung der strengen Standards nachgibt. Die BSE-Kontrolle kostet sehr viel Geld: Allein die Tests verursachen der öffentlichen Hand jährlich Kosten von fast fünf Millionen Euro, die Verluste für die Fleischwirtschaft durch die Abtrennung der Risikomaterialien sind noch höher. Aber wenn man Konsumentenschutz ernst nimmt, dann ist das Geld mehr als nur gerechtfertigt. Und sei es - wie bei den Schnelltests - auch nur, um die Konsumenten zu beruhigen.

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