NOBELPREISTRÄGERIN IM FOKUS Diskussionsveranstaltung zu Elfriede Jelinek im Hohen Haus

Wien (PK) - "Österreich: Jelinek. Eine Auseinandersetzung". Unter diesem Titel fand heute Nachmittag im Parlament eine Diskussionsveranstaltung statt, zu der die Zweite Präsidentin des Nationalrats Barbara Prammer geladen hatte. Neben den DiskussionsteilnehmerInnen fand sich auch zahlreiche Prominenz
aus Politik und Kultur ein, darunter der ehemalige Präsident des Rechnungshofes Franz Fiedler.

Prammer erklärte in ihrer Begrüßung, die heutige Veranstaltung setze sich mit den politischen und kulturpolitischen Aussagen Elfriede Jelineks auseinander. Es brauche Mut, als Frau gesellschaftliche Konventionen zu unterlaufen und gegen männlich dominierte Strukturen das Wort zu ergreifen. Dementsprechend oft
und heftig sei Jelinek hierzulande angefeindet worden, während
eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk vermieden
worden sei. Dennoch kämpfe Jelinek als mutige Frau schon seit
über 30 Jahren gegen frauenfeindliche Strukturen an, betonte die Präsidentin.

Prammer wies auch auf Jelineks Analysen des österreichischen Umgangs mit der Vergangenheit hin. Jelinek habe in ihren Werken
auf die latenten Faschismen und die bestehenden Machtverhältnisse hingewiesen, was immer wieder zu heftigen Kontroversen geführt habe. Jelinek habe zahlreiche Auszeichnungen erhalten, etwa den Büchner-Preis in Deutschland oder den Kafka-Preis in der Tschechischen Republik, doch es habe den Nobelpreis gebraucht, um auch hierzulande einen Meinungsumschwung herbeizuführen. Und
immer noch scheine es so zu sein, als würde ihr Werk im Ausland mehr geschätzt als hierzulande.

Prammer würdigte Jelineks Engagement für ihre Kolleginnen und Kollegen und illustrierte dies am Beispiel der Arbeiten rund um
die Künstlersozialversicherung. Sie zollte Jelineks Schaffen Anerkennung und meinte, dies solle nicht als der Versuch einer Vereinahmung verstanden werden, sondern als Ausdruck der Wertschätzung einer großen und engagierten Künstlerin.

Sodann las Babett Arens aus Jelineks politischen Essays zu Österreich, wobei sie auch verschiedene Statements österreichischer Politikerinnen und Politiker zu Jelinek
zitierte.

Im Anschluss daran ergriff Hilde Haider-Pregler vom Institut für Theaterwissenschaft an der Universität Wien das Wort und meinte, Elfriede Jelinek sei eine politische Autorin im wahrsten Sinne
des Wortes, schaffe sie doch Texte, die in dieser Hinsicht in der besten Tradition stünden. Jelinek begreife das Theater als Diskussionsforum und schöpfe dabei aus einer Tradition, die schon bei Aischylos ihre Anfänge habe. Die Rednerin zog dabei einen Vergleich zwischen "Die Perser" des griechischen Tragöden und den Werken von Elfriede Jelinek, wobei sie den Aspekt der Mahnung, angesichts eines Sieges nicht hybrid zu werden, in den
Vordergrund rückte. Jelinek arbeite sich an Österreichs Vergangenheit ab, da diese immer noch Schatten auf die Gegenwart werfe. Diesbezüglich sei auch Karl Kraus zu nennen, der
gleichfalls zu Montagetechniken gegriffen und ähnliche Themen literarisch aufgegriffen habe wie Jelinek in unserer Zeit.

WIE GEHT DIE POLITIK MIT KRITISCHEN KÜNSTLERiNNEN UM ?

Österreichs Autorinnen und Autoren seien keine Angestellten der Fremdenverkehrswerbung und auch nicht verpflichtet, ein sonniges Bild Österreichs zu zeichnen, formulierte pointiert die Literaturkritikerin Sigrid Löffler ihre Antwort in der anschließenden Diskussion, die sich um die Frage drehte, wie die Politik mit derartigen Texten umgehe und umgehen sollte. Die Künstlerinnen und Künstler seien einer tieferen, schmerzhafteren Wahrheit verpflichtet, sagte Löffler, und diese Wahrheit sei es, die dem Land Ehre mache. Unehre machten dem Lande jene Politikerinnen und Politiker, die sich mit Banausen, Stammtischmeinungen und Populismen kleinformatiger Zeitungen verbinden.

In Österreich sei die Ausrottung und Vertreibung des österreichischen Geistes nach 1938 jahrzehntelang nicht aufgearbeitet worden, so Löffler weiter in ihrer Analyse. Die österreichischen Künstlerinnen und Künstler hätten sich mit diesem moralischen Versagen lange beschäftigt, und dies nicht aus Jux und Tollerei, Bosheit und Eitelkeit, sondern weil sie nicht anders konnten und können. Sie hätten das Bild des geschichtsvergessenen Österreichs gezeichnet und den Blick auf
den Boden gerichtet, der nur dürftig die heimlich verscharrten Leichen zudecke. Nach Auffassung Löfflers geht man in Österreich mit kritischen KünstlerInnen nach einem traditionell
feststehenden Muster um.

Wolfgang Zinggl, der grüne Kultursprecher, artikulierte sein Unbehagen, als Politiker zu künstlerischen Äußerungen Stellung nehmen zu müssen, da man dabei, wie er sagte, allzu leicht in Platitüden verfallen könne. Viel gefährlicher sei es aber, als PolitikerIn eine kritische Position einzunehmen. Er vertrete aber den Standpunkt, dass auch Politikerinnen und Politiker ein Recht dazu hätten, gegenüber Künstlerinnen und Künstlern kritisch aufzutreten. Kultur sei die Sache aller und nicht nur der Kulturschaffenden. Er halte es für nicht effizient, im
kulturellen Prozess eine Arbeitsteilung vorzunehmen, denn für Kultur seien alle verantwortlich. Wie aktuell die Sicht Jelineks
auf die österreichische Vergangenheit sei, zeige die Diskussion
um die Ortstafeln mehr als deutlich, sagte Zinggl.

Dieses Recht der PolitikerInnen, sich einzumischen und zu diskutieren, verteidigte auch Andrea Wolfmayr, Kultursprecherin
der ÖVP. Die Politik habe aber die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich KünstlerInnen frei bewegen könnten. Wolfmayr bezeichnete sich als eine Jelinek-Leserin der ersten Stunde, die der Autorin jedoch im Laufe der Zeit immer weniger folgen habe können. Vor allem habe sie die negative Haltung Jelineks und deren Hass immer stärker gespürt. Als Politikerin
der ÖVP fühlt sich Wolfmayr von Jelinek auch ungerecht behandelt, zumal sich gerade die ÖVP für die Realisierung wichtiger Maßnahmen im Interesse der KünstlerInnen eingesetzt habe. Man könne auch von Kulturschaffenden Respekt gegenüber PolitikerInnen verlangen, meinte Wolfmayr.

Christine Muttonen, Kultursprecherin der SPÖ, wies zunächst auf das verfassungsrechtlich verankerte Recht der Freiheit der Kunst hin. Als besonders wichtig erachtete sie den Diskurs, da er die Möglichkeit biete, die Gesellschaft weiterzubringen. Im Werk Jelineks wertete sie vor allem den scharfen Blick auf die Wunde
mit Zeitbezug als notwendig. Was die Autorin thematisiere, das
hole uns nun gerade im so genannten "Gedankenjahr" ein, so
Muttonen. Unter Bezugnahme auf das ehemaligen FPÖ-Wahlkampfplakat meinte Muttonen, sie kenne aus ihrem Bundesland Kärnten die immer wiederkehrende Verunglimpfung von KünstlerInnen. Dahinter stecke eine Strategie, um Wählerstimmen zu gewinnen.

Seitens der FPÖ nahm die dritte Präsidentin des Wiener Landtags Heidemarie Unterreiner Stellung und meinte, die in der Lesung zitierten Texte von FPÖ-PolitikerInnen seien die offensten und ehrlichsten gewesen. Man müsse ja nicht unbedingt mit jemandem einverstanden sein, der Österreich als einen Hort des Bösen und des Grauens sieht. Unterreiner hielt auch den Vorwurf an Jelinek für berechtigt, Mitglied der KPÖ zu sein, und zwar zu dem Zeitpunkt als Osteuropa unter der Knute des Kommunismus geächzt habe. Von einer Seite der Diktatur zu sprechen und die andere auszublenden, mache Jelineks Aussagen heuchlerisch, bemerkte Unterreiner. Auch sie ging auf die Diskussion um das FPÖ-Wahlplakat ein und hielt dazu fest, dass die FPÖ damals die enge Verbindung zwischen einzelnen KünstlerInnen und Parteien thematisieren wollte. (Schluss)

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