"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fall Jackson: Warum die Kritik am Freispruch ins Leere geht" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 15.06.2005

Graz (OTS) - Das war schon alles sehr amerikanisch und bizarr, was uns da die Fernsehbilder über das Finale des Missbrauchsprozesses gegen Michael Jackson zeigten: die minutenlangen Luftaufnahmen vom Konvoi, wie er sich mit dem Angeklagten an Bord dem vermeintlichen Schafott nähert, die hysterischen Fans an den Absperrgittern mit ihren religiösen Parolen, der gebrochene Popstar, der in Trance das Gericht betritt, der Freispruch über Radio, und schließlich die zehn Friedenstauben, die eine entrückte Anhängerin nach jedem "Nicht schuldig" der Reihe nach kreischend in die Freiheit entlässt.

Zu dieser Art von Justiz-Entertainment gehört natürlich auch die Ausweitung der Geschworenen auf das gesamte Volk: Mittels Televoting haben 67 Prozent der Amerikaner noch am selben Tag den Freispruch in einen demoskopischen Schuldspruch umgewandelt, verkündet durch den Volksgerichtshof CNN.

Gerade, weil das öffentliche Stimmungsbild so erdrückend war für den Angeklagten, verdient das Urteil gewürdigt zu werden - als ein Akt autonomer, kühler Rechtsprechung.

Natürlich hinterlässt es zunächst ein Unbehagen. Schließlich haben wir alle die Bilder im Kopf, wie aus diesem einst genialen Musiker, dessen Lieder man nie mehr so unbefangen hören wird können wie früher, ein artifizieller Zombie wurde mit einer pathologischen Störung, die kein Kostüm mehr zu verbergen vermochte. Jackson, der früh Gezüchtigte, hat die Störung einmal selbst benannt: "Mein Schicksal ist es", sagt er, "einer Kindheit hinterherzulaufen, die ich nie erlebt habe."

Diese krankhafte Regression hat er ausgelebt, indem er sich auf seiner Retro-Farm "Neverland" fast ausschließlich mit Mädchen und Buben umgab. Die Kinderliebe geriet an den Abgrund, als er fremde Kinder in sein Bett lud. Man war so schockiert wie damals, als Jackson in einem Moment exaltierten Wahnsinns sein Baby über den Balkon eines hochgeschossigen Hotels hinaus hob.

Das alles schwingt in der Irritation über den Freispruch natürlich mit. Und dennoch: Das Gericht hatte nicht die bürgerliche Vernunft als Richtschnur heranzuziehen, sondern das Strafgesetzbuch. Und hier kamen die Geschworenen in quälend langer Klausur zur Überzeugung, dass die Beweise für einen Schuldspruch letztlich nicht ausreichten. Sie fällten ein Urteil, das zwar der öffentlichen Erwartungshaltung zuwiderläuft, aber fest auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit steht. In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, und nicht:

In dubio pro CNN. ****

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