KRITISCHES BUCH ZUM JUBILÄUMSJAHR IM PARLAMENT VORGESTELLT "Was für Zeiten" - 15 namhafte Autoren analysieren das Zeitgeschehen

Wien (PK) - Das neueste Buch aus der Reihe "Was für Zeiten" mit
dem Titel "O Jubel, O Freud!" wurde heute Abend im Parlament präsentiert. Nationalratspräsident Andreas Khol begrüßte die Gäste und charakterisierte das Buch als einen kritischen Beitrag zum Gedankenjahr." Wir sollten nicht alles vergessen und historisieren; wir brauchen auch die kritische
Auseinandersetzung." Die von "Standard"-Chefredakteur Gerfried
Sperl und dem Grazer Universitätsprofessor Michael Steiner herausgegebene Reihe "Was für Zeiten", in der bisher die Bände "Heimat Babylon", "Vermehrung" und "Wiederkehr der Barbaren" erschienen sind, gewährt Einblicke "hinter die Kulissen" des Zeitgeschehens und wird nun mit kritischen Beiträgen zum
Jubeljahr fortgesetzt.

Der Geschäftsführer des Leykam-Verlags Graz Wolfgang Hölzl dankte dem Nationalratspräsidenten für die Gelegenheit der Präsentation von Beiträgen unbequemer Autoren zu unbequemen Themen. "Wir leben in einer außergewöhnlichen Phase der Geschichte", sagte Hölzl, der das Engagement seines Verlages mit dem Interesse begründete, kontroversielle Themen für kritische Bürger und Bürgerinnen aufzubereiten.

Herausgeber Gerfried Sperl zeigte sich glücklich über die Möglichkeit, das Buch im besonderen Ambiente des Parlaments, in
dem Demokratie gelebt und erstritten wird, vorstellen zu können. Sperl erinnerte an die historischen Wurzeln der Reihe "Was für Zeiten" im Grazer "Forum Stadtpark" und charakterisierte sie als Plattform für liberale Positionen und als Medium der innerösterreichischen Verständigung. Das aktuelle Heft befasse sich mit Schwierigkeiten unserer Republik und behandle deren Geschichte, die wir zu analysieren und mit Ironie und Satire zu begleiten haben ,sagte der Journalist.

Universitätsprofessor Michael Steiner erinnerte am Anfang seiner Ausführungen an die Antwort des Augustinus auf die Frage, was
Zeit sei: "Wenn ich nicht gefragt werde, weiß ich es. Wenn ich gefragt werde, weiß ich es nicht mehr." - In diesem Sinne habe
man zu den Jubiläen Leute im In- und Ausland gefragt, was sie
über Österreich im Jubeljahr denken. Die Antworten der befragten Autoren, vielfach Auseinandersetzungen mit sensiblen Themen der Geschichte, die Steiner kurz skizzierte, bilden den Inhalt der insgesamt elf Beiträge von 15 namhaften Autoren.

Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl schilderte anhand
der Entwicklung der österreichischen Nachkriegsliteratur die Probleme des Landes mit dem Thema Patriotismus, Probleme eines kleinen Landes, die, wie Strigl vermutete, größere Nationen nicht in dieser Form haben. Es gab Autoren, die sich 1945 mit der NS--Vergangenheit auseinander setzten, diese kritische Arbeit sei
aber bald eingeschlafen und habe einer neuen Selbstzufriedenheit Platz gemacht. Hans Lebert, Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard stünden für eine Literatur, die die Verkrustung der Fünfziger-und Sechzigerjahre aufgebrochen hat, berichtete Daniela Strigl.

DAS BUCH

Runde Jubiläen seien zwar nur ein zufälliger Anlass für Gedenkjahre, schreibt Herausgeber Gerfried Sperl im Vorwort, aber doch eine Chance für zeitgeschichtliche Akzentuierungen, politologische Annäherungen, für das Eintauchen in Phänomene der Vergangenheit, "ohne die sich Gegenwart und Zukunft" Österreichs nicht erklären lassen. Der Zeitrahmen der Publikation ist mit den Eckpunkten 60 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Staatsvertrag und 10
Jahre EU-Beitritt abgesteckt.

ÖSTERREICH IST FREI

Im ersten Beitrag nützt der Feuilletonchef der "Presse", Norbert Mayer, diplomatische Quellen für einen Blick hinter die Kulissen der Staatsvertragsverhandlungen. "Österreich ist frei", sagte Leopold Figl. Was aber sagten, dachten und schrieben die Außenminister der anderen Signatarstaaten oder gar der Vertreter der Bundesrepublik in Wien? - Es lohnt sich, über Zwischentöne in Reden und Schriften aus dem Jahr 1955 nachzudenken, das zeigt
Mayer unter dem Titel: "Die abhanden gekommene moralische
Hypothek".

DIE VERTRIEBENEN

"Vertrieben. Zurückgekehrt?" fragt die Historikerin Gabriele
Anderl und beleuchtet Situationen, in denen sich jüdische Emigranten nach Kriegsende für oder gegen eine Rückkehr nach Österreich entschieden. Symbolisch für das Hin und Her zwischen Heimweh und Furcht vor der Rückkehr in eine oft fremd gewordene Heimat ist eine Szene in Fernost im Jahr 1949: "Es springen im letzten Moment immer noch Personen unter Anführung der unmöglichsten Vorwände ab. Es melden sich stündlich neue Personen zum Abtransport an und verweigern einige Stunden nach dieser Anmeldung wieder die Heimbeförderung nach Österreich, weil angeblich aus dem Traumland Amerika die Nachricht kommen könnte, dass nach der Eröffnung des neuen Kongresses die 'sagenhafte
Bill' für die Einwanderung in die Vereinigten Staaten vom
Kongress bewilligt wird".

DER BLICK VON AUSSEN

Die sprichwörtliche "Außensicht" liefert die seit 1991 in Wien tätige ungarische Journalistin Julia Szaszi: "Ein Blick auf Österreich - von außen". Es ist ein zugleich kritischer und freundlicher Blick einer "nicht fremden Ausländerin", die sich
von manchem überrascht, gelegentlich auch verwirrt zeigt, vieles aber, namentlich das kulturelle Leben, aber auch die Professionalität der Österreicher begeistert und liebevoll beschreibt.

REALISTISCHE RAUNZER

Mit "Raunzern, Schönfärbern und Realisten" befassten sich die Soziologen Max Haller, Regina Ressler und Wolfgang Schulz. Sie verglichen Daten mit Umfrageergebnissen zur Befindlichkeit der Österreicher nach 10 Jahren EU-Beitritt. Geklagt werde über schlechtere soziale Standards, höhere Preise, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Transitprobleme, einzig das Warenangebot werde besser eingestuft. Die Soziologen erhoben eine hohe
Übereinstimmung zwischen objektiven Veränderungen und subjektiven Wahrnehmungen, was die Österreicher als Realisten ausweise, die ihre Situation gut kennen und zutreffend beurteilten: Jüngere und höher gebildete Menschen sehen den Nutzen, den ihnen der EU-Beitritt bietet - Arbeitslose, finanziell schlecht Gestellte hingegen die negativen Auswirkungen. "Schönfärber" fanden die Forscher unter Politikern und Experten und warnen: Es sei kontraproduktiv, den EU-Beitritt nur mit positiven Folgen zu verknüpfen.

VERFASSUNGSREFORM - EIN JUBELJAHR MEHR?

"Keine neue Verfassung im Jubeljahr" berichtet der Jurist und Politologe Klaus Poier, selbst Mitglied des Österreich-Konvents
zur Ausarbeitung einer neuen Bundesverfassung. Schon die
Einsetzung des Konvents sei eine Sensation gewesen und die Ergebnisse könnten sich trotz mangelnden Gesamtkonsenses sehen lassen. Poier spricht vom größten Vorwärtsschritt seit 1920 und meint, das fehlende Wegstück zur neuen Verfassung sei zwar schwierig, aber gangbar. Das Jubeljahr werde keine neue
Verfassung sehen. Nach den nächsten Nationalratswahlen erwartet
der Verfassungsexperte aber eine neue Verfassung und damit ein Jubeljahr mehr.

WENN TIGER ZURÜCKBLICKEN

"Schund im Bild" lautet der Titel eines Interviews, das der Medienjournalist Harald Fidler mit dem ehemaligen ORF-Generalintendanten Gerd Bacher führte. Der "Tiger" spricht in gewohnt pointierter Form über die Zeit des "Rundfunk-Volksbegehrens", über die Helden des ORF, über Bruno Kreisky, seine Abneigung gegen Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
- und über seine Liebe für die Sendung "Das Traummännlein kommt".

ÖSTERREICHISCHER PATRIOTISMUS UND DIE LITERATUR

"Eine schwierige Beziehung. Die Dichter und ihr Land" nennt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl ihren Überblick zur Literaturgeschichte der Zweiten Republik. Strigl analysiert zunächst die komplexe Situation der österreichischen Literatur nach Kriegsende mit all ihren gegenläufigen Tendenzen. Während
der Nationalsozialist Josef Weinheber im April 1945 aus seinem politischen Scheitern die Konsequenz zog und sich das Leben nahm, knüpften Autoren wie Ilse Aichinger an den Widerstand an - die sieben Jahre "Ostmark" waren aber bald kein Thema mehr, und heimgekehrte Emigranten wie Hilde Spiel, Ernst Waldinger oder Theodor Kramer waren unerwünscht. Im Gegenteil: Belastete
Schreiber wie Max Mell und Heinrich Waggerl blieben nicht lange geächtet und Josef Nadler erhob seine Stimme für die Rehabilitierung Josef Weinhebers. Vor diesem Hintergrund fand Theodor Kramers Lyrik-Band aus dem Jahr 1946 "Lob der
Verzweiflung" erst 1972 einen österreichischen Verlag.

Das kollektive Schweigen thematisierte Hans Lebert in seinem
Roman "Die Wolfshaut" vehement. Für Elfriede Jelinek wurde dieses Buch zu einem Schlüsselwerk der Zweiten Republik. "Antiheimatliteratur" lautete das Programm der Nachfolger Leberts mit Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard an der Spitze. Demgegenüber verstanden sich Peter Turrini, aber auch Josef
Winkler als "Heimatdichter", die den von zwei Diktaturen missbrauchten und von der Republik "im Kitsch ersäuften" Begriff für kritische Texte nicht gegen, sondern über die Heimat retten wollten.

Seit dem verunglückten Projekt "Austrokoffer" (neuer Titel "Landvermessung") wird wieder über das Thema Patriotismus und Literatur nachgedacht. Verwirrung herrsche laut Strigl darüber,
was "gut europäisch", was "patriotisch" und was "chauvinistisch" sei. Kann man nationale Autonomie als fortschrittlicher Mensch begrüßen? Darf man die Erfolgsstory der Zweiten Republik feiern, ohne sich ständig mit einem "Ja, aber" ins Wort zu fallen? Wie
weit reicht der Einwand, dass es sich im Falle Österreichs um den Willen zur Selbstbehauptung eines kleinen Landes handle, das
schon einmal von seinem großen Bruder geschluckt wurde? - Fragen über Fragen.

EIN ENKEL DES HERRN KARL

In der Gestalt des Schantl Johann läßt der junge Wiener Romancier Thomas Glavinic einen Enkel des Herrn Karl den Geist der Zeit beschwören. Schantl - offenbar eifriger Leser der Boulevard-Presse, der seine Grammatikarmut mit Wortreichtum kompensiert -lässt keinen Zweifel an seiner Selbstzufriedenheit als Österreicher aufkommen und resümiert eine Tour d'horizon
aktueller österreichischer Befindlichkeiten mit dem Satz: "Wir haben die 60 Jahre verdient!!!"

AVANTGARDE STATT MUSIKMUSEUM

Unter dem Titel "Klangverschwindung - eine Wehmut"
problematisiert Bruno Liberda, Vertreter der musikalischen Avantgarde, die Form des "Erinnerns". 50 Mal habe er in den
letzten Jahren Medien - vom Bleistift bis zur Gigabyteharddisk -austauschen müssen, um technisch Schritt zu halten. Man habe eingelöst, was Claude Debussy vor 100 Jahren - dem seit 1000
Jahren gepflegten Halbtonsystem Guido von Arezzos den
Fehdehandschuh "in die Oktave werfend" - für die Musik forderte:
das Verschieben der Prioritäten von Tonhöhe zu Rhythmus und Klangfarbe. Die digitale Revolution biete nun das nötige Werkzeug für Erfindung, Aufzeichnung und Manipulation des Klangs. Um sich des Tempos bewusst zu werden, das die neuen klangtechnischen Möglichkeiten eröffnen, fordert Liberda dazu auf, die klangliche Gestaltung von Werbespots zu beachten. Das sind komplette Opern,
die in 30 Sekunden alle Sehnsüchte und Gefühle wecken. - In den letzten 50 Jahren sei viel Geld in das Perpetuieren alter Glanzstücke gesteckt wurde, erinnert sich Liberda dann doch und fragt ungeduldig: Wann wird Kreation endlich die Erinnerung verdrängen? GEGENWELT THEATER

"Innen-Sicht" heißt das Plädoyer des Grazer Schauspiel-Intendanten Matthias Fontheim für das Theater, für den "unglaublichen Irrsinn", dass unzählige Menschen aus allen
Berufen oft monatelang auf einen einzigen Augenblick hinarbeiten, auf den Premierenabend, der aufscheint, um sofort wieder zu verlöschen. Theater biete der Gesellschaft eine Gegenwelt, die nicht Alltag ist, sondern über diesen hinausweist, formuliert Fontheim und erinnert an ein Theater, das mit politischen Veränderungen einhergeht: Schillers Don Carlos ("Sire, geben Sie Gedankenfreiheit") und Handkes "Publikumsbeschimpfung". Die Bühne erfülle seine Aufgabe, emotionelle Debatten auszulösen, erinnert Fontheim und nennt als Belege Thomas Bernhards "Heldenplatz" und
die Tabubrüche des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief.

EIN KRITISCHES PANORAMA

Kritische Blicke auf widersprüchliche Phänomene der österreichischen Gesellschaft werfen schließlich bekannte österreichische Journalisten. Johann Skocek nutzt seine Kompetenz als professioneller Beobachter, um - geschult an der Sichtweise
der jüngsten heimischen Nobelpreisträgerin - die Beziehung der Österreicher zum Sport pointenreich zu analysieren. Österreich liebe seine Sportler und das nationale Heldenepos Kitzbühel, weil es dabei Urlaub von der Geschichte und von der Vernunft nehmen
und sich dem Sieg an die Brust werfen könne. Das 3:2 in Cordoba über Deutschland halte der Österreicher für eine historische Tat. Die politische und wirtschaftliche Historie hingegen nehme er weniger ernst, klagte Skocek.

Peter Hiess schilderte unter dem Titel "50 Jahre Gift und Galle" Tendenzen in der Kriminalberichterstattung der heimischen Medien, die dem Leser die alltägliche Begegnung mit der "Perversion", der "Verkommenheit" und der "Habgier" ermöglichen.

"Macht und Sünde" nennte Josef Votzi seinen Rückblick auf den "Fall Groer", das Synonym für die schwerste Krise der römisch-katholischen Kirche seit 1945. Das Sexmissbrauchs-Opfer Josef Hartmann sei nach öffentlichen Beschimpfungen erst später vom Leiter der Missbrauchs-Ombudsstelle Helmut Schüller verständnisvoll unter seine Fittiche genommen und schließlich von der Erzdiözese Wien mit ein paar kleinen Zuwendungen bedacht worden. - "Wo ist die öffentliche Anerkennung für Josef Hartmanns unbestreitbar mutigen Akt der Zivilcourage?" fragt Votzi und regt einen Versöhnungsgottesdienst mit kirchlichen Missbrauchsopfern
im Stephansdom an.

"O Jubel, O Freud. Schatten und Schimären eines
Jubiläumslandes", herausgegeben von Gerfried Sperl und Michael Steiner als Band 4 der Reihe "Was für Zeiten" in der Edition Gutenberg, Wien und Graz. Das Buch hat 143 Seiten und kostet im Buchhandel € 14,90. (Schluss)

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