Auf der Flucht nach Neverland

"Presse"-Leitartikel von Norbert Mayer

Wien (OTS) - Nicht schuldig, befanden die Geschworenen über
Michael Jackson - entgegen der öffentlichen Meinung.

Das Urteil der Justiz mag ausgefallen sein, wie es ist, dem Urteil der Öffentlichkeit entgeht nicht, wer als Kunstfigur für sie erfunden wurde und sich erfunden hat. Es gibt eben Prozesse, die kann man nicht gewinnen. In allen zehn Punkten ist der des Kindesmissbrauchs angeklagte Popstar Michael Jackson freigesprochen worden - und doch glauben zwei Drittel der Amerikaner nicht an seine Unschuld. Das ist vernichtend für diesen bizarren Sonderling, der sich nicht erst seit den ersten Verdächtigungen vor zwölf Jahren, sondern seit seiner Kindheit auf der Flucht zu befinden scheint.
Ein Knabe, der vom Vater und anderen brutalen Geschäftemachern auf die Bühne geprügelt wird, ein an sich schüchterner Mensch, zum gesundheitsgefährdenden "Moonwalk" verdammt, ein Kinderfreund, dessen Markenzeichen der obszöne Griff in den Schritt ist. Nichts passt zusammen bei dieser Kunstfigur. Der weiß gewaschene Star bleibt für die Öffentlichkeit eine zwiespältige Erscheinung.
Im Zweifelsfall für den Angeklagten, beschloss die Jury. Mehr braucht es auch nicht. Wahrscheinlich ist in diesem Fall der Angeklagte zugleich auch das Opfer. Michael Jackson ruhe sich aus in Neverland, hieß es nach dem Spruch der Geschworenen. Doch da ist wohl kein Ort, nirgends, der ihm Ruhe geben kann. Demnächst soll eine Party steigen auf der Ranch, mit der schrecklichen Familie und der grauenhaften Schicksalsgemeinschaft der Fans. Ein Freudenfest. Hat Jackson diesmal also verfahrenstechnisch Glück gehabt? Zumindest stimmte seine Prognose, die er zu Beginn der Verhandlung vor vier Monaten abgegeben hatte: Sein Vertrauen in die amerikanische Justiz sei ungebrochen. Er wisse, dass die Wahrheit über die Verleumdung siegen werde.

Die anderen wissen etwas weniger: Dass die Geschworenen keine ausreichenden Beweise gefunden haben, die eine Verurteilung rechtfertigen. Dass die Anklage auf schwachen Füßen stand und ihre Zeugen nicht glaubwürdig waren. Vor allem aber weiß man, dass das amerikanische Rechtssystem funktioniert. Unter großem Aufwand hat man zwölf Geschworene gefunden, die unvoreingenommen über einen der berühmtesten Menschen unserer Zeit urteilen sollten. Sie haben gewogen und die Vorwürfe für zu leicht befunden. So viel Skrupel würde man Amerika auch wünschen, wenn es um die politischen Häftlinge in Guantanamo geht, die seit Jahren auf eine reguläre Verhandlung warten, oder um jene Unglücklichen, die nicht Michael Jacksons Ressourcen haben, um einen Prozess zu bestreiten. Denen wird, wenn sie schwarz sind und arm, oft ein kurzer Prozess gemacht, wie die Statistiken zeigen.
Was also hat Jackson und seine Anwälte diesen Prozess gewinnen lassen? Offenbar besaß dieser 46-jährige Mann, der gewohnheitsmäßig Minderjährige dazu eingeladen hat, in seinem Bett zu übernachten, für die Geschworenen mehr Glaubwürdigkeit als eine Mutter, die es zuließ, dass ihr minderjähriger Sohn dieser Einladung folgen durfte. Offenbar begünstigt Berühmtheit bei Urteilenden den Eindruck, dass man jemanden bereits zu kennen glaubt, und zwar positiv. Diese Intimität wiederum fördert den Zweifel an der Anklage. Wenn selbst Kinderstar Macaulay Culkin den Angeklagten entlastet, wenn sich überdies Jacksons Ex-Frau Debbie Rowe als Zeugin der Anklage für ihren Ex-Gatten einsetzt, ist das ein Glücksfall für die Verteidigung und eine Erschwernis für die Jury, die nötige Distanz zu wahren.

Michael Jackson, ein Mann von zweifelhaftem Ruf, ist durch seinen Ruhm und die Skrupel der Geschworenen vor dem Gefängnis gerettet worden. Er ist nach diesem Thriller vor Gericht wieder ganz in der Hand seiner Fans, die sein Schicksal verfolgen werden, in der Hand seiner Produzenten, die seine Story Gewinn bringend ausschlachten werden.
Für die Öffentlichkeit war dieser Prozess jedenfalls eine Hetz. Was bleibt haften vom Ausgang dieser Verhandlung? Der Held verlässt das Gericht in einem großen Auto mit dunkel getönten Scheiben. Es fährt durch eine karge Landschaft Richtung Neverland, verfolgt von Hubschraubern, die diesen Heimweg filmen. Aus dem Off kommentiert ein TV-Sprecher die Fahrt. So war es, als der des Mordes verdächtigte Kino-Star O. J. Simpson durch Los Angeles fuhr. So ist es immer, wenn in Hollywood ein Mensch gejagt wird. Oben im Hubschrauber sitzen die richtenden Zuseher. Unten im Auto sitzt der Verfolgte. Und der ist eigentlich immer auf der Flucht.

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