WirtschaftsBlatt Kommentar vom 15.6.2006: Alles wartet auf die italienische Meisterprüfung - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Der gewaltige Coup der UniCredit rückt Italiens Wirtschaft, die sich jahrelang im Underground der Bedeutungslosigkeit zu verstecken schien, ins Zentrum einer europaweiten Skepsis: Die grosse Frage ist, ob die Italiener so einem Megadeal überhaupt gewachsen sind. Ob sie in der Lage sein werden, an diesem wichtigen internationalen Schalthebel des Bankengeschäfts zu reüssieren.
Das Image der italienischen Wirtschaft, die in den vergangenen Jahren ja nicht viel mehr zu bieten hatte als den Parmalat-Skandal, die Fiat-Krise und eine abgesandelte Alitalia, ist alles andere als prächtig: Italo-Unternehmer gelten, wohl nicht nur hier zu Lande, als relativ unverlässlich, schwer berechenbar, ziemlich sprunghaft und bisweilen auch schlitzohrig.
Das mag zwar plakativ und ungerecht klingen, weil Italien immerhin der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs ist und wir uns alle miteinander ein Leben ohne Pizza, Gelati, Segafredo, Barilla, Chianti, Armani, Benetton und Bella Venezia nicht mehr vorstellen können. Aber wirklich enge Beziehungen, etwa gesellschaftsrechtlicher Natur, also Firmenverflechtungen, gibt es herzlich wenige; und diese wenigen, etwa die frühere Beteiligung an der Telekom Austria, sollte man gleich wieder vergessen - die waren zumeist ein Flop. Allerdings: Jetzt, wo auch das lange sieglose Duo Ferrari & Schumacher zumindest wieder für einen zweiten Platz gut ist, könnten sich die Italiener blitzartig rehabilitieren. Signore Profumo müsste bloss den Nachweis erbringen, dass nicht nur den Amis, den Franzosen, den Briten oder den Deutschen ein Fixplatz in der Businesswelt sicher ist, sondern auch ihm. Der Boss der UniCredit kann jedenfalls beweisen, dass sein Institut samt deutschem und österreichischem Anhang ein ebenso professioneller wie profitabler Big Player ist. Und dass Italiener durchaus etwas können was ihnen kaum zugetraut wird -bei internationalen Allianzen die Rolle des Stärkeren zu übernehmen. Alessandro Profumo, der künftig für einen nicht unwesentlichen Teil der österreichischen und der osteuropäischen Bankenszene verantwortlich ist, wird jedenfalls unter gestrenger Beobachtung stehen. Er dürfte die längst fällige italienische Meisterprüfung umso leichter schaffen, je mehr Fingerspitzengefühl er zeigt. Im Klartext:
je weniger deutsche, österreichische oder polnische Arbeitsplätze er eiskalt streicht - und je mehr einschlägiges Know-how aus München, Wien oder Warschau er weiterhin für sich arbeiten lassen wird.

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