"Kleine Zeitung" Kommentar: "Italien entschied sich, den Damm nicht aufzureißen" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 14.06.2005

Graz (OTS) - Sei es, dass die Italiener lieber einen Tag am Meer verbrachten, sei es, dass die leidenschaftlichen Boykottaufrufe des Papstes und der Bischöfe Wirkung zeigten: Das Referendum über die künstliche Befruchtung ist mangels Beteiligung gescheitert, nur 26 Prozent der Wahlberechtigten fanden den Weg an die Urnen - zu wenig, um das erst im Vorjahr verabschiedete Fortpflanzungsgesetz - eines der europaweit strengsten - zu kippen.

Wochenlang hatte die mit Vehemenz geführte Debatte, wie mit menschlichen Fortpflanzungszellen umzugehen sei, die Nation gespalten, und die katholische Kirche hatte, um das Referendum zu Fall zu bringen, ihr ganzes moralisches Gewicht in die Waagschale gelegt.

Was alle, die ihr diesen Erfolg nun als unzulässige Einmischung in die italienische Innenpolitik ankreiden und das Referendum zum "Glaubenskampf" hochstilisieren, jedoch gerne übersehen: Dem Papst und den Bischöfen ging es nicht weniger um Prinzipielles als jenen, die aus einer "Ethik des Heiles" heraus eine radikale Liberalisierung der Gesetze etwa bei der Beforschung so genannter "überzähliger" Embryonen befürworteten.

Dabei handelt es sich um Embryonen, die mittels künstlichen Befruchtung erzeugt, dann aber nicht in den Mutterleib übertragen und nach einiger Aufbewahrungszeit "entsorgt" werden. Für die Forschung sind diese Embryonen deshalb so interessant, weil sich aus ihnen Stammzellen gewinnen lassen, die bei der Bekämpfung unheilbarer Krankheiten wie Krebs eines Tages eine große Rolle spielen könnten.

Um die Stammzellen zu gewinnen, muss der Embryo allerdings getötet werden. Und genau an diesem Punkt setzt auch die Kritik der Kirche an: Selbst wenn die "überschüssigen" Embryonen früher oder später vernichtet würden, dürften sie nicht als Mittel zum Zweck gesehen und zur Forschung freigegeben werden. Schließlich handle es sich um ungeborenes Leben, entstanden durch die Verschmelzung von Ei und Samenzelle und nach katholischer Vorstellung ebenso unverfügbar wie das geborene.

Die eigentliche Frage über die die Italieneralso im Referendum abstimmten, ist die nach dem Beginn des Lebens - ein Urthema christlicher Ethik. Hätte die katholische Kirche dazu nichts zu vermelden gehabt, wäre das eine Bankrotterklärung gewesen. So hat sie aber bewiesen, dass sie eine Institution mit starken Werthaltungen ist, die gesellschaftspolitisch mobilisieren kann und ein unverzichtbares Korrektiv zum heutigen Machbarkeitswahn darstellt.****

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