Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Das Spannendste ist, was nicht passiert: Rund um die große Bankenfusion ruft in ganz Deutschland niemand: "Skandal! Ausverkauf Deutschlands! Nieder mit der Globalisierung! Schützt deutsche Arbeitsplätze!" Nichts lehrt besser als dieses Nicht-Event, wie katastrophal es um die HVB steht.

Das zeigt aber auch, wie katastrophal es war, vor fünf Jahren die Bank Austria ausgerechnet an die HVB zu verkaufen - oder war die nach ihrem Debakel in Russland selbst nicht anders zu retten? Das zeigt auch, dass der Verkauf der Creditanstalt an die Bank Austria falsch war.

Österreich tröstet sich nun, dass die Osteuropa-Zentrale auch der neuen Bank Wien sein wird. Österreich hat es in der Tat geschafft, zu "der" Marke für Mittelosteuropa zu werden. Tatsache ist aber, dass die Marke "Bank Austria" oder "BA-CA" schon lange weitgehend aus diesen Ländern verschwunden ist, und dass Wien nun nicht mehr eine Tochter Münchens, sondern eine Enkelin Mailands ist.

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Nach den wieder sanfter gewordenen Lehrern bemühen sich nun Österreichs Richter redlich, ins Spitzenfeld der streikfreudigsten Berufe aufzusteigen. Man ist kaum noch imstande, alle ihre Streikdrohungen im Überblick zu bewahren. Nun wollen sie also streiken, weil Wien ein zweites Landesgericht bekommen soll. Das heißt, sie wollen eine vermutete unternehmerische Fehlentscheidung zum Grund eines Streiks machen.

Wenn jeder, der Unsinnigkeiten eines Vorgesetzten wittert, streiken wollte, dann würde bald niemand mehr arbeiten. Wobei die Erfahrung zeigt, dass fast jede Strukturänderung von den Belegschaften vorerst einmal abgelehnt wird. Freilich gibt es umgekehrt auch Manager mit der Weltanschauung, dass jede Änderung an sich gut ist.

Wer in diesem Fall wirklich mitdiskutieren sollte, wäre der Steuerzahler. Denn er leidet bereits unter der letzten teuren Gerichts-Übersiedlung: Die traditionsreiche Riemergasse steht bis heute leer, sie wird nur von regelmäßigen Ankündigungen einer neuen Nutzung gefüllt, während sich die Richter mehrheitlich längst über ihr neues Quartier freuen - das sie anfänglich bekämpft haben.

Ist das zweite Straflandesgericht sinnvoll? Gewiss, die Zahl der Untersuchungshäftlinge ist auf Grund des internationalen Kriminaltourismus enorm angestiegen. Gewiss, die Tausenden Häftlingstransporte quer durch die Stadt kommen teurer. Dennoch befällt den Steuerzahler die ziemlich starke Ahnung: Ein neues Gericht dürfte vom Portier bis zur Küche so viel mehr kosten, wie die Einsparung der Transporte nie hereinbringen kann.

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