"Kleine Zeitung" Kommentar: "Keine neuen Extrawürste" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 12.06.2005

Graz (OTS) - Jetzt also soll ein Feldversuch zeigen, ob die Pensionsregelung für die Schwerarbeiter in der Praxis anwendbar ist. Bald ein Jahr lang bastelten Minister Herbert Haupt und seine Nachfolgerin Ursula Haubner an dem Verordnungsentwurf, ohne den Stein der Weisen entdecken zu können.

Wäre die Sache für die Betroffenen nicht zu ernst, böte die Suche nach dem wahren und echten Schwerarbeiter Stoff für Kabarettisten. Selbst die Blödler von der "MA 2412" könnten Ansprüche geltend machen, ginge es nach dem Kalorienverbrauch im Amt. Der Normalbürger hat bei dieser absurden Debatte wenigstens gelernt, dass Kalorien nicht gleich Kalorien sind, sondern dass die eigentliche Maßeinheit die Kilokalorien sind.

Schwerarbeit ist es jedenfalls, eine Nachfolgelösung für die auslaufende Hacklerpension zu finden. Das war die Bedingung, dass Jörg Haider, der sich damals vor zwei Jahren mit Alfred Gusenbauer zum Spargelessen traf, der Pensionsreform zustimmte, die Wolfgang Schüssel in den Rang eines Jahrhundertwerks erhob.

Das Problem liegt vor allem darin, dass sich zwischen den subjektiven Einschätzungen und den objektiven Kriterien eine Kluft auftut. Die Regierung will den Anteil der Schwerarbeiter bei fünf Prozent begrenzen, die Gewerkschaft schätzt die Zahl auf mindestens zehn Prozent und fragt man die Männer und Frauen in den Betrieben, auf den Baustellen oder in den Spitälern, dann wird man auf zwanzig und mehr Prozent kommen.

Eine schier unlösbare Aufgabe. Deshalb wird die Schwerarbeiterverordnung in jedem Fall eine Enttäuschung auslösen. Und außerdem Ärger, weil der Nachweis nicht so einfach ist, wann und wie lange man Schwerarbeit geleistet hat.

Die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern. Für die Zukunft sollte aber eine faire, logische Regelung getroffen werden. Diese kann nur darin bestehen, dass für Schwerarbeit vom Arbeitgeber ein Zuschlag zum allgemeinen Pensionsbeitrag zu zahlen ist. Selbst Grundschüler können ausrechnen, wie hoch er sein muss, wenn für jedes Jahr Schwerarbeit drei Monate für einen früheren Pensionsantritt gutgeschrieben werden. Das ist überdies eine Maßnahme, die Streitigkeiten, was Schwerarbeit ist, vermeidet. Die Unternehmer sollen nicht über noch höhere Lohnnebenkosten jammern. Anderswo sind sie schon lange üblich.

Vor allem haben alle übrigen Beitragszahler ein moralisches Recht, dass dieser Zuschlag eingehoben wird. Wozu wurde das individuelle Pensionskonto eingeführt, wenn man trotzdem Schwerarbeit subventionieren und neue Extrawürste finanzieren muss? ****

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