Bildung (2): Cizek - Chancengleichheit an Österreichs Schulen nicht gegeben

Knoll kritisiert "rigorose Streichungspolitik" der Bundesregierung

Wien (SK) Obwohl es unbestreitbar sei, dass in den Schulen "die Grundlagen für eine positive sozio-ökonomische Entwicklung" des Landes gelegt werden - und Schulen damit eine überaus wichtige Rolle zukäme -, müsse konstatiert werden, dass "die Bildungschancen in Österreich ungleich verteilt sind" und von Chancengleichheit daher nicht die Rede sein könne, unterstrich Brigitte Cizek vom Österreichischen Institut für Familienforschung am Dienstag anlässlich des Vranitzy-Kolloquiums zum Thema "Bildungspolitik: Jedem das Seine?". ****

Cizek plädierte für eine individuelle Förderung für Lernschwache, aber auch für eine individuelle Förderung individuell Interessierter. Gertraud Knoll, Leiterin der SPÖ-Zukunfts- und Kulturwerkstätte, kritisierte, dass die "rigorose Streichungspolitik" der Bundesregierung zu einer massiven Verschlechterung der Qualität der österreichischen Schulen und Universitäten geführt habe. Das "ständische System", das derzeit an den Schulen vorherrsche, müsse endlich von einem "egalitären System" abgelöst werden, welches es auch in den besten PISA-Ländern geben. Peter Zöllner, Direktor der Österreichischen Nationalbank", machte deutlich, dass das österreichische Bildungssystem verbessert werden müsse; und sprach dem Namensgeber des Kolloquiums, Franz Vranitzky - beste Genesungswünsche aus. Rupert Weinzierl vom WIWIPOL, der das Kolloquium moderierte, zeigte sich seitens des Podiums erfreut, dass Vranitzky und Gemahlin bereits auf dem Weg der Besserung seien.

Die Bildungschancen österreichischer Schüler hingen wesentlich vom Bildungsstand der Eltern ab, verwies Brigitte Cizek auf eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung. So seien Kinder, deren Eltern nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen und zudem auf dem Land leben, hinsichtlich ihres Zugangs zu AHS und Matura deutlich gegenüber jenen Kindern benachteiligt, deren Eltern einen akademischen Abschluss haben und im städtischen Raum wohnen. Deshalb gelte es, "kompensatorische Maßnahmen" zu setzen, die Chancengleichheit herstellen, so Cizek. Zur Verbesserung des heimischen Bildungssystems präsentierte Cizek eine Reihe von Lösungsansätzen. So forderte sie eine "hochwertige Vorschulerziehung", die gewisse "Standards" setzen soll und den Kindern zeigen soll, dass Lernen Spaß machen kann. Cizek forderte auch ein Ende der zu frühen Selektion im Alter von zehn Jahren - aus entwicklungspsychologischer Sicht sei es angezeigt und besser, wenn Kinder erst mit 14 Jahren über ihre weitere Schullaufbahn entscheiden. Im anzustrebenden Modell einer Gesamtschule solle eine "individuelle Förderung und Forderung" der Schüler geschehen, so Cizeks Appell.

Auch bezüglich der LehrerInnenausbildung sei eine Verbesserung anzustreben, schon in der Lehrerausbildung selbst müssten den LehrerInnen Konzepte an die Hand gegeben werden, wie sie mit sozial benachteiligten und Kindern aus Randgruppen umgehen sollten. Cizek sprach sich auch für eine "verpflichtende Supervision" aus, zudem müsse man von einem "defizitorientierten Ansatz zu einem ressourcenorientierten" kommen. Weiters sei eine Verbesserung des Schulklimas und der Schulpartnerschaft anzustreben, da es einen direkten Zusammenhang zwischen Schulklima und Schulerfolg gebe, machte Cizek deutlich. Ein wichtiger Schritt dazu sei die Verbesserung der Kommunikation zwischen Eltern, Lehrern und Schülern, aber auch die Stärkung der Partizipation von SchülerInnen. Das derzeitige hierarchische Bildungssystem gehöre aufgelöst und kritisch hinterfragt, wobei auch die Perspektive von Lehrern, Eltern und Schülern miteinzubeziehen sei, forderte Cizek.

Knoll - Endlich "egalitäres System" statt "ständischem Modell" einführen

Im Zusammenhang mit dem Slogan "Jedem das Seine" plädierte Knoll dafür, dass man die Lernstarken und -schwachen individuell fordern und fördern müsse - und das unter Zugrundelegung und Beachtung ihrer persönlichen Talente und Defizite. Auch diesmal habe Bildungsministerin Gehrer einmal mehr nicht der Einladung zu einer bildungspolitischen Veranstaltung entsprochen, unterstrich Gertraud Knoll. Für die SPÖ sei es "inakzeptabel", dass man derzeit von einer "soziologischen Konstante" auszugehen habe, die darin besteht, dass "Armut vererbt wird" - diese Konstante werde durch das österreichische Bildungssystem noch gestützt, verdeutlichte Knoll. Unter dem "Deckmantel des Es-muss-gespart-werden" sei es zu einer "deutlichen Verschlechterung" der Qualität an Österreichs Schulen und Universitäten gekommen, kritisierte Knoll die "rigorose Streichungspolitik" seitens der Bundesregierung.

Die Bundesregierung habe auch "permanente Stundenkürzungen und eine Welle von Frühpensionierungen von LehrerInnen" zu verantworten, ohne dass es zu einer Nachbesetzung von jungen LehrerInnen gekommen sei. Zudem sei "Integration zu einem Fremdwort" geworden, zählte Knoll das mannigfache Versagen der Bundesregierung auf. Solche Maßnahmen hätten sofortige Auswirkungen auf die Schwachstellen des Bildungssystems, hob Knoll hervor. Die Chiffre "Jedem das Seine" klinge stark nach einem "Wie er halt kann" - damit aber würde auf soziale Herkunft, statt auf individuelle Neigungen fokussiert, so Knoll mit Blick auf den Umstand, dass sich arme Kinder aus gesellschaftlichen Randgruppen offenbar damit begnügen sollen, dass sie nur wenig erreichen können.

Es gelte zu fragen, welcher Spielraum für die Einführung eines egalitären Systems durch die Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit eröffnet wird. Gerade vor dem Hintergrund der wichtigen "Kernkompetenzen" Mathematik und Lesen, sei festzustellen, dass etwa hinsichtlich des Lesens die Unterschiede zwischen AHS und Polytechnischer Schule größer seien als jene zwischen Finnland und Tunesien, verwies Knoll abschließend auf Untersuchungsergebnisse. (Schluss) mb

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