Bildung (1) - Gusenbauer und PISA-Koordinator einig: Österreich darf sich nicht am Mittelmaß messen

Wien (SK) SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer und
PISA-Erfinder und -Koordinator Andreas Schleicher sind sich einig:
Ein Land wie Österreich darf sich bei der Bildung nicht am Mittelfeld messen, sondern muss sich an der internationalen Spitze orientieren. "Die Entscheidung für ein schlechtes Bildungssystem ist auch die Entscheidung für den materiellen Abstieg. Österreich befindet sich als drittreichstes Land in den Bildungsrankings im unteren Mittelfeld - diesen Platz werden wir auch in puncto Wohlfahrtsstaat und materiellem Wohlstand einnehmen", so Gusenbauer. Schleicher erklärte, dass Gesellschaft und Wirtschaft einen sehr hohen Preis für mangelnde Bildung zahlen: "Ein Land wie Österreich darf sich nicht am Mittelfeld messen. Das Schulsystem muss soviel besser sein, wie es teurer ist." ****

Gusenbauer und Schleicher sprachen am Dienstag auf Einladung von Zukunftswerkstätte und Vranitzky-Kolloquium gemeinsam mit Brigitte Cizek, Geschäftsführerin des Österreichischen Instituts für Familienforschung, und Gertraud Knoll, der Leiterin der Zukunfts- und Kulturwerkstätte, zum Thema "Bildungspolitik als Gesellschaftspolitik - Jedem das Seine?". ****

Der SPÖ-Vorsitzende sowie der PISA-Erfinder und -Koordinator sehen im wesentlichen die gleichen Gründe für das schlechte Abschneiden Österreichs bei PISA und ziehen auch sehr ähnliche Schlüsse: Schule müsse sich der veränderten Gesellschaft anpassen und Reformen müssten umgehend eingeleitet werden. Bei den Reformen solle man sich an den erfolgreichen PISA-Ländern orientieren. Schleicher:
"Sehen wir PISA nicht als lange Mängelliste, sondern als Sammlung von faszinierenden Beispielen, wie Bildung funktionieren kann!" Gusenbauer sprach sich gegen die "Dogmatisierung der Instrumente" aus; man müsse die Mittel - siehe Ganztagsschule -, die zum Erfolg führen, vor Augen haben. Zur Frage der Kosten eines guten Bildungssystems hielt Schleicher fest, dass es hier um eine "strategische Finanzierung" gehe. Der SPÖ-Vorsitzende unterstrich, dass ein gutes Schulsystem nicht so viel kosten würde, wie man glaubt. "Es ist auch möglich, ein nicht funktionierendes Schulsystem und trotzdem hohe Kosten zu haben. Erfolgreiche Modelle sind nicht teurer als unseres", so Gusenbauer.

Österreichisches Schulsystem zu selektiv

Einig ist man sich auch, dass zu stark selektierende Schulsysteme -wie etwa das österreichische - zu schlechten Ergebnissen führen. "Unser Schulsystem gleicht soziale Herkunftsunterschiede nicht nur nicht aus, sondern verstärkt sie sogar noch. Wir brauchen gleiche Voraussetzungen und unterschiedliche Fördermaßnahmen", betonte Gusenbauer. Schleicher wies darauf hin, dass es bei stark selektierenden Systemen sehr leicht dazu komme, dass die Lehrer die Verantwortung für die Kinder abschieben - siehe Sitzenbleiben oder Umstieg in eine andere Schulform. Für den SPÖ-Vorsitzenden sind Mittel wie Sitzenbleiben "Kapitulationserscheinungen vor den Problemen".

Für einen "konstruktiven Umgang mit dem Verschiedenen"

Besonderen Stellenwert legen sowohl Schleicher als auch Gusenbauer auf verstärkte individuelle Förderung. Der PISA-Koordinator fordert einen "konstruktiven Umgang mit dem Verschiedenen", wie es ihn in Finnland oder Japan bereits gibt. "Jedem das Seine" müsse die Devise lauten. Gusenbauer unterstrich, dass jede Schule das Beste aus den Kindern herausholen müsse; dabei müsse man noch differenzierter vorgehen, als Starke zu fordern und Schwache zu fördern.

Schulen brauchen mehr Freiräume

Ein Vorschlag Schleichers lautet: "Schulen brauchen mehr Freiräume". Finnland etwa habe viel weniger detaillierte Vorgaben, aber dafür klare Vorstellungen, was die Kinder am Ende der Schule wissen sollen. Strategische Bildungsziele seien daher auch für Österreich notwendig. In jenen Ländern, wo es geringe Freiräume für die Schulen gibt - Österreich, Frankreich, Deutschland - gebe es auch große Leistungsunterschiede zwischen den Schulen und den Schülern. Gusenbauer bestätigte im Zusammenhang mit den Bildungsstandards, dass es in Österreich eine "Kontrollphobie" gebe. Für viele sei es eine "abartige Idee", dass man am Ende des Jahres schaut, ob Schule, Lehrer und Schüler erfolgreich waren. Dabei gehe es - wie in der Schule selbst - nicht um Strafen, sondern darum, rechtzeitig eingreifen zu können, damit Erfolge erzielt werden können.

Kein wichtigeres Thema als Bildung

Der PISA-Koordinator wies schließlich auf die Wichtigkeit von Vernetzung hin und lobte in diesem Zusammenhang das duale Ausbildungssystem in Österreich. "Es ist wichtig, dass der Übergang zwischen Schule und Berufsleben reibungslos funktioniert; die jungen Menschen müssen beschäftigbar sein", so Schleicher. Der SPÖ-Vorsitzende brachte seine Sorge zum Ausdruck, dass jene 20 Prozent der 15-Jährigen, die sehr schlecht lesen und rechnen können, die "künftige Unterschicht" darstellen werden: "Sie haben keine Chance auf ein ordentliches Einkommen und einen Aufstieg in der Gesellschaft. Das sind die harten Fakten, wenn man die bildungspolitischen Daten in ökonomische übersetzt." Für Gusenbauer ist daher klar: "Es gibt kein wichtigeres Thema als die Bildung, denn man kann nirgends mehr verhauen oder erreichen als hier." (Forts.) cs

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