WirtschaftsBlatt Kommentar vom 4.6.2005: Nullkommajosef - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Österreich ist, hat das EU-Statistikamt Eurostat gestern verkündet, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner schon das drittreichste Land in der Union. Aber gerade bei uns wird die weltweite Armut in erster Linie mit schönen Worten bekämpft. Diesen Eindruck muss man zumindest gewinnen, wenn man den kürzlich im "Kurier" veröffentlichten Offenen Brief an Kanzler Schüssel und sein Team liest. Darin fordern internationale Promis wie Erzbischof Desmond Tutu, Bob Geldof, Brad Pitt und Claudia Schiffer die rot-weiss-rote Bundesregierung auf, endlich zu handeln. Nachdem immer noch jede dritte Minute ein Kind an extremer Armut stirbt, sei es an der Zeit, dass sich Österreich diesbezüglich weitaus stärker engagiere. Indem es etwa beim Meeting der Finanzminister am 7. Juni und beim Treffen der EU-Staatschefs am 16. und 17. Juni einen angemessenen Betrag für den derzeitigen Feldzug gegen die Armut zur Verfügung stellt. Oder indem es den ärmsten Ländern ihre Schulden vollständig erlässt.
Diese Aktion, die in die Kampagne "Nullkommasieben" integriert ist, wird von prominenten Österreichern wie Heinz Fischer, Christoph Schönborn oder Elfriede Jelinek unterstützt. Insgesamt haben sich an die 40 Institutionen und Organisationen zusammengetan, darunter das Hilfswerk Austria, Care Österreich, die Caritas, die Katholische Männerbewegung, Fairtrade Österreich und der Gewerkschaftsbund -, doch sie alle müssen einsehen, dass sie im Kampf gegen die Armut selber entsetzlich arm dran sind.
So mächtig ein ÖGB auch anderweitig sein und so erfolgreich eine Caritas in ihrem Kerngeschäft auftreten mag - als Lobbyisten für eine gerechtere Welt werden sie geflissent-lich überhört und elegant ignoriert - von der Öffentlichkeit und ebenso von der Politik. Dabei verdient die simple Botschaft von "Nullkommasieben" - das reiche Österreich solle künftig viel mehr für arme Länder tun als bisher -überall breite Aufmerksamkeit und Akeptanz.
Es ist nämlich eine Schande, hat Elfriede Jelinek unlängst treffend formuliert, dass die Republik nicht einmal 0,3 Prozent des Bruttonationaleinkommens an arme Staaten weitergibt - wo sich doch die Regierung verpflichtet hat, die Mittel für die so genannte Entwicklungszusammenarbeit bis zum Jahr 2010 auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen. Während Dänemark, die Niederlande, Norwegen oder Schweden das heere Ziel von 0,7 Prozent bereits erreicht haben, schaut es für Österreich schlecht aus, dort hinzukommen - umso mehr, als die österreichischen Werte in den vergangenen zwanzig Jahren sogar tendenziell sanken.
Wir vom WirtschaftsBlatt schlagen vor, dass sich Österreich endlich finanziell stärker engagieren sollte - denn die weltweite Armut kann man nicht mit Nullkommajosef und schönen Worten lindern.

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