• 02.06.2005, 19:38:39
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum diese Republik auch weiterhin braun rülpsen wird" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 03.06.2005

Graz (OTS) - Die Republik rülpst. Ein Bundesrat beklagt die
Nazi-Verfolgung. Und ein Landtagspräsident stimmt ihm zu.

Seit Tagen wird nun an den in solchen Fällen übl(ich)en Lösungen
gebastelt: ein Rücktritt da, eine Entschuldigung dort. Enden
wollendes Gezeter der Opposition. Kampfschweigen des Kanzlers. Sind
ja nur ein paar Ewiggestrige.

Und außerdem: Man sehe sich doch unsere prachtvollen
Bedenkausstellungen an, man möge doch auf Hugo Portisch hören oder
wenigstens den Philharmonikern im ehemaligen Konzentrationslager
Mauthausen lauschen. Das, bitte sehr, ist die Republik in ihrer
edelsten Haltung. - So wird Österreich den üblen Mundgeruch nie los
werden.

Die Altherren Freunschlag, Kampl und Konsorten sind nur Symptome.
Ihre Toasts vom Biertisch nur Signale einer Generation, die sich
Bildungschancen verweigert hat, die ihr ohnedies nur minimal geboten
wurden.

Den Amerikanern kommt das Verdienst zu, uns erst befreit und dann
eine Zeit lang ernährt zu haben. Dazu aber kam ihr (damals noch
existentes) Geschick, eine breite Öffentlichkeit auch mental aus der
Düsternis einer Diktatur zu führen.

Kaum war die junge Republik selbst am Zug, begann sie die Schule zu
schwänzen. Eifrig wurde am Opfermythos gebastelt, es gibt Protokolle
darüber, dass die Rückgabe von Raubgütern absichtsvoll verzögert
wurde, und selbst verjagte Nobelpreisträger wurden nicht wieder
heimgeholt.

Ein halbwegs adäquater Geschichtsunterricht war dem Engagement
einzelner Lehrer überlassen. Ich selbst habe in acht Jahren
Mittelschule alles über Vercingetorix, Süleiman den Prächtigen oder
die Schlacht bei Issos erfahren, aber wenig bis gar nichts über Ernst
Kaltenbrunner, Rudolf Hoeß oder Sophie Scholl. Und bis heute sind in
Österreichs Schulen Schikursbesuche verbindlicher als etwa ein Besuch
von Mauthausen.

In diesem Klima gedeihen Sumpfblüten wie ein Herr Gaugg, der den
Begriff Nazi als "Neu, attraktiv, zielstrebig, ideenreich"
buchstabieren durfte und nicht darüber, sondern erst viel später über
Alkohol am Steuer stolperte. In diesem Klima hat Jörg Haider
seinerzeit über "ordentliche Beschäftigungspolitik" und "Straflager"
der Nazis fabuliert, SS-Männer gelobt und gilt nun Kanzler Schüssel
als "konstruktiv".

Österreich hat sich nie einen Lehrplan in Sachen
Nichtwiederbetätigung verordnet. Deshalb wird die Republik weiter
rülpsen, wenn ein paar alte Recken Schluckauf haben. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
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