DER STANDARD-Kommentar: "Nicht nur zulasten der Kampls" von Samo Kobenter

"Einige Anmerkungen zur schweigenden Akzeptanz des Ewiggestrigen im Gedenkjahr", Ausgabe vom 2. Juni 2005

Wien (OTS) - Zwei Dinge sollten bei der unappetitlichen Geschichte um die Herren Kampl, Freunschlag, Gudenus und, etwas abgesetzt, Tancsits doch auseinander gehalten werden.

Da ist zunächst einmal die politische Wirkung, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und BZÖ-Chef Jörg Haider durch ihr Tun und Lassen wesentlich mitbestimmen. Die Reaktionen des Kanzlers und auch des Kärntner Landeshauptmanns drängen besonders in den ersten beiden Fällen die Vermutung auf, dass hier eine weit gehend stillschweigende Duldung vereinbart wurde, die nur kurz von Schüssels rührseligem Aufruf zum geistigen Umweltschutz der "Institutionenlandschaft" durchbrochen wurde.

Seither verfestigt sich der Eindruck, dass Kampl und Freunschlag ungestraft die Öffnung des BZÖ hin zum rechtesten freiheitlichen Rand betreiben dürfen. Die Orangen brauchen jede Wählerstimme, da sind ihnen versprengte Globalisierungsgegner ebenso recht wie Alt-Haiderianer, die ja nichts so sehr fürchten wie die Heimatlosigkeit, unter der sie seit 1945 in jeder Hinsicht zu leiden scheinen.

Selbstverständlich sind Signale, wie sie zuletzt der Meinetwegen-Entschuldiger Freundschlag gesetzt hat, geeignet, der rechten Klientel Halt zu geben und sie dem BZÖ zuzuführen. Ob das für einen halbwegs selbststehenden Wählerstamm reicht, bleibt abzuwarten.

Unfragbar macht sich Schüssel durch seine Akzeptanz hier zum Mittäter, und wahrscheinlich wird es nicht allzu lange dauern, bis seine Anhänger darin ein besonders ausgefuchstes taktisches Kalkül, zumindest aber eine notärztliche Maßnahme zur vorläufigen Erhaltung der lebensnotwendigen Funktionen seines Koalitionspartners erkennen. Das ist die eine unappetitliche Seite der Geschichte.

Die andere hat historische Wurzeln und ist um nichts angenehmer. Immer wieder ist hier zu Lande zu beobachten, dass braune Rülpser mit stillschweigender Empathie akzeptiert werden, und zwar über alle Altersstufen hinweg und fast jede parteipolitische Gesinnung, jeden sozialen Stand einschließend. In der letzten Ausgabe des Spiegel meint der mittlerweile 85-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki auf eine entsprechende Frage: "Die Generation derjenigen, die den Krieg mitgemacht haben und die heute über achtzig sind, hat den 8./9. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung, sondern als Zusammenbruch erlebt. Alles andere ist eine unzulässige, wenn nicht verlogene Beschönigung."

Das entschuldigt natürlich nichts, sagt aber doch einiges über eine Haltung aus, die zumindest an die erste Generation danach, die jetzt etwa im Alter eines Kampl, Freunschlag und Gudenus ist, weitergegeben wurde. Wo diese unreflektiert und unhinterfragt blieb, brachte sie über Jahrzehnte hinweg nicht nur singuläre Einfaltspinsel hervor, sondern erzeugte auch jene unausgesprochene Zustimmung, in der sich diese erst betätigen konnten.

Die Ansichten der genannten Herren sind daher nicht nur Ausdruck ihrer Geschichtsauffassung, sondern auch Beleg für eine diesbezüglich weitflächiger gescheiterte Aufklärung, die sich wiederum an historisch klar erkennbaren Wegmarken abstecken lässt: an den schlampigen, genauer gesagt, äußerst großzügig abgewickelten Amnestien für schwer und minderbelastete NS-Mitglieder zwischen 1946 und 1955 beispielsweise, an den unerträglichen Freisprüchen in den wenigen großen NS-Prozessen nach dem Krieg bis herauf zu Fällen wie dem beschämenden des Psychiaters Heinrich Gross.

Das nämlich, dieses mächtige "Schwamm drüber", dieses fast allen Justizverfahren vorauseilende Vergeben und Vergessen war der Boden der großen "Naziverfolgung", die ein Herr Kampl heute noch zu beklagen wagt. Ein Boden übrigens, auf dem straflos insinuiert werden darf, ein Nazianhaltelager wie Glasenbach sei mit einem KZ wie Mauthausen oder Dachau vergleichbar. Ein Boden, der eine Geschichte von Versäumnissen zudeckt, die nicht nur zulasten der Kampls gehen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001