DER STANDARD-Kommmentar "Einer wie Kampl" von Michael Völker

Ausgabe vom 1.6.2005

Wien (OTS) - Walter Tancsits, Sozialsprecher der ÖVP, ist verbal und emotional entgleist: Er gönnt dem Staat einen Bundesrat Kampl. Tancsits tut dies aus persönlicher Enttäuschung, aus Kränkung über ein Gerichtsurteil, demzufolge es nicht strafbar ist, ihn als "geistigen Nachfahren der braunen Nazischergen" zu bezeichnen, wie das die Homosexuelleninitiative in der Diskussion über das Opferfürsorgegesetz getan hat.

Dass Tancsits über dieses Urteil empört ist, mag verständlich sein, sein Ausspruch über Kampl ist es nicht. Seinen Zorn nun gegen den Staat zu richten, den er für dieses Urteil offenbar verantwortlich macht, und diesem alles Schlechte zu wünschen, Kampl nämlich, ist politisch dumm und so unanständig wie Kampl selbst. Überdies hat sich Tancsits damit selbst zu einem Opfer Kampls gemacht.

Der Vorwurf der Homosexuelleninitiative war heftig, zu heftig, und dem Anlass nicht entsprechend. Das Gerichtsurteil ist seltsam, wie viele andere auch. Aber es ist zu akzeptieren, und es gibt einen Rechtsweg durch die Instanzen. Dass sich Tancsits zu so einem Ausbruch hinreißen lässt, disqualifiziert ihn als Politiker. Er sollte Kampl mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, was politischer Anstand ist.

Kampl gehört weg, keine Frage. Und genau deshalb müsste auch Tancsits gehen. Einen Abgeordneten, der befindet, dass dem Staat einer wie Kampl gebührt, den braucht das Hohe Haus genauso wenig, der hat dort nichts zu suchen.

Dass Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nach langem Schweigen endlich klare Worte zu Kampl findet, ist erfreulich, aber längst überfällig. Dass er sich gleichzeitig vor Tancsits stellt und ihn verteidigt, das ist unverständlich. Und politisch so unklug wie die Aussage von Tancsits selbst.

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