WirtschaftsBlatt Kommentar vom 1.6.2005: Der Airbus überfliegt die EU-Krise - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Da die Geschichte der Europäischen Union trotz aneinandergereihter EU-Krisen eine Erfolgsgeschichte ist, wird die Gemeinschaft auch über ihre bisher grösste Dummheit im neuen Jahrhundert - die Brüskierung der Gemeinschaftsziele durch eine französische Abstimmungsmehrheit - hinweg kommen. Aber fatal ist die Lage doch. Nichts zeigt das besser als der wachsende Konflikt zwischen Europa und den USA um den Airbus.
Vom Airbus wurden weltweit 3800 Flugzeuge verkauft, und vom neuen Airbus-Riesen A380, der noch gar nicht ausgeliefert wird, sind schon 139 bestellt. Das Supervehikel rollte aus der Airbus-Zentrale in Toulouse, wo die Endmontage durchgeführt wurde, zum Jungfernflug. Das allein lässt erkennen, dass viele tausend Franzosen ihren Job dem europäischen Flugzeugbau verdanken. Das hinderte aber andere Franzosen nicht, aus Sorge um Arbeitsplätze gegen die EU-Verfassung zu votieren.
Marktwirtschaftlich ist das Erfolgsprojekt für die USA eine unerhörte Zumutung. Zum ersten Mal zeigt Europa, dass es technisch und organisatorisch Spitzenleistungen erbringt. Rundum Stagnation und Defätismus, aber der A380 fliegt. Und verkauft sich. Boeing hat nichts Gleichwertiges.
In dieser Situation eskaliert der amerikanisch-europäische Konkurrenzstreit um offene und versteckte Subventionen. Wahrscheinlich wird sich die WTO so wie im Bananenkrieg nun mit dem Wettbewerb im Flugzeugbau beschäftigen müssen. In dieser Branche von Kostenwahrheit zu reden ist müssig - es gibt sie nicht einmal ansatzweise. Ohne staatliche Zuwendungen gäbe es keinen Airbus, ohne die finanzielle Potenz der amerikanischen Rüstungsindustrie keinen Boeing-Erfolg.
Selbstverständlich wollen die USA Europa einbremsen, wo es nur geht -so wie sie sich gegen chinesische und japanische Konkurrenz zu wehren versuchen. So lange daraus nicht der alte Vormachtsanspruch abgeleitet wird, ist alles in Ordnung - normale Rivalität auf dem Weltmarkt. Es könnte aber mehr gemeint sein. Und deshalb sollte die EU von vornherein vorbeugen und das Beste in ihrer Situation machen:
Wieder einmal aus einer eigenen Dummheit lernen und den nächsten Erfolg ins Auge fassen. Euro, Airbus, EU-Erweiterung sind auf diese Art gelungen. Nichts von dem darf denen geopfert werden, die nach dem kurzsichtigen "Non" der Franzosen wie Freibeuter einen ganz anderen Weltmarkt im Auge haben.

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