"Kleine Zeitung" Kommentar: "Klassenkampf von oben" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 22.05.2005

Graz (OTS) - Heute entscheiden die Wähler in Nordrhein-Westfalen, ob es im größten und zugleich letzten deutschen Bundesland, das noch von Rot-Grün regiert wird, zu einem Machtwechsel kommt. Es wäre die Götterdämmerung für Gerhard Schröder, der sich im Herbst nächsten Jahres wieder den Wählern stellen muss. In Vorahnung, dass der Absturz in die Opposition droht, hat SPD-Chef Franz Müntefering seine Kapitalismuskritik begonnen, um die enttäuschten Stammwähler an Rhein und Ruhr bei der Stange zu halten.

Ob die Kampagne wirksam war, wird man sehen. Sie hat jedenfalls die Gefühle aufgeputscht und Nachahmer auch bei uns gefunden. SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer schloss sich an, zögerlich und verspätet. Jörg Haider hatte schon früher die Globalisierung als Feindbild entdeckt. Die beiden sollten sich wieder zu einem Spargelessen treffen.

Münteferings Methoden sind fragwürdig. Er verglich gewisse Investoren mit Heuschrecken, die alles kahl fressen und dann zur nächsten Beute weiter ziehen. Klassenkampf pur.

Aber ist deshalb alles, was Müntefering anprangerte, schon falsch?

Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet die Frankfurter Börse, also die Kathedrale des Kapitals, ein Beispiel lieferte, das an die biblische Heuschreckenplage erinnerte. Unter Führung eines Fonds mit dem harmlosen Namen "The Children's Investment Funds" übernahmen britische Finanzjongleure in einem offenbar abgesprochenen Handstreich die Macht in der deutschen Börse, verlangten die Absetzung des Vorstandsvorsitzenden und erzwangen die Herausgabe der Reserven von 1,5 Milliarden Euro.

Wer die Drahtzieher und die Hintermänner sind, weiß man nicht. Die Hedge-Fonds, die weltweit über 1000 Milliarden Dollar angesammelt haben und durch Kredite ihr Kapital zu einem noch größeren Hebel machen, operieren unter dem Radarschirm der Finanzkontrolle. Sie sind meist so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind: Über Renditen spricht man gern, über Risiken weniger.

Und ausgerechnet der Mann, der als Manager der Börse versagt hat, soll ein Abschiedsgeschenk von 10 Millionen Euro erhalten. Kapitalismus bizarr.

Das ist kein Einzelfall. Man darf sich nicht wundern, wenn angesichts von immer höheren Vorstandsgagen und astronomischen Abfindungen, von Stellenabbau trotz Rekordgewinn die Kritik am System wächst. Gerade die Anhänger der Marktwirtschaft sollten die Exzesse des Kapitalismus nicht verteidigen, um zu verhindern, dass ein Klassenkampf von oben den Klassenkampf von unten entfacht. ****

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