"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer ordentlich getreten wird, darf ruhig zurücktreten" (von Michael Tschida)

Ausgabe vom 21.05.2005

Graz (OTS) - Wenn Sie Tischler sind und Ihnen dubiose Buchhaltung vorgehalten wird, schmeißen Sie den Finanzprüfer einfach mit den Worten bei der Tür hinaus: "Was wollen S' denn? Meine Tische wackeln eh nicht!"

Ähnliches kommt einem in den Sinn, wenn sich Elisabeth Gehrer vor Wilfried Seipel stellt, dem eklatante Misswirtschaft in seinem Kunsthistorischen Museum (KHM) vorgeworfen wird. "Wie bei jedem Betrieb muss auch bei der Beurteilung des KHM die Gesamtleistung im Vordergrund stehen", sagt die Schutzmantel-Ministerin und übergeht dabei, dass die Gesamtleistung die Summe aller Teilleistungen ist. Etliche davon waren zuletzt inferior und Verfehlungen gab es wahrlich nicht nur "im Detail", wie es Seipel behübscht.

Beanstandet haben das nicht Erbsenzähler, schließlich stammt der Prüfbericht nicht von Iglo, sondern vom Rechnungshof. Und es geht auch gar nicht um Erbsen, es geht um Millionen an Steuergeldern.

Hatte Gehrer die Rechnungshof-Forderung aus dem Herbst nach einem "zweiten gleichberechtigten kaufmännischen Geschäftsführer" noch abgetan, so fordert sie einen solchen künftig für alle Museen mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro. Vier-Augen-Prinzip nennt sich das und ist vermutlich ein bissl besser als das bisher vorherrschende Ein-Auge-Zudrücken-Prinzip.

Ein Zerberus für die Bilanzen hat noch jedem Kulturunternehmen gut getan. Kostet was, nutzt aber auch. Im Falle des KHM ließe sich Seipels Gehalt, von 1998 bis 2002 um das Zweieinhalbfache auf 238.000 Euro gestiegen, locker durch zwei teilen. Das Fürstenhonorar gehört ja ebenso zu der langen Liste der laut RH-Präsident Josef Moser "gravierenden Mängel" wie die um 40 Prozent explodierten Personalkosten im selben Zeitraum, wie Geburtstagspartys auf Hauskosten oder Autoverkäufe von Privatmann Seipel an Direktor Seipel.

Durch Seipel sei kein Schaden entstanden, vielmehr schade der Rechnungshof dem Museum, resümierten die Merkwürden vom KHM-Kuratorium: Der Überbringer der schlechten Nachricht sei also das wahre Übel.

Die Chuzpe wird nur noch vom obersten Realitätsverweigerer Seipel selbst übertroffen, wenn er sagt: "Grundsätzlich sind wir beim Rechnungshof mit einer sehr guten Wertung ausgestiegen." Bloß die keifende Opposition sieht das ein wenig anders und natürlich die bösen Medien, die den KHM-Direktor Tritte verpassen. Aber wer ordentlich getreten wird, darf ruhig zurücktreten. In diesem Sinne:
Seipel, übernehmen Sie! ****

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