Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Wiener müssen früher wählen. Damit der Wahlkampf "nicht zu lange" wird. Der Wiener Bürgermeister griff mit dieser Begründung wohl in die unterste Schublade abgestandener Argumente, ein besseres Motiv für Neuwahlen trotz absoluter Mehrheit ist ihm nicht eingefallen. Hätte sein Argument irgendeine Logik, dann wären ja Wahlen alle 14 Tage am Platz. Denn das würde zu besonders kurzen Wahlkämpfen führen.

Wahr ist natürlich, dass der Wahlwunsch des machtbewussten Bürgermeisters viel mehr mit günstigen Meinungsumfragen und dem eher ärmlichen Zustand der gesamten Opposition zu tun hat - sowie der offensichtlichen Erwartung, dass die SPÖ nächstes Jahr nicht mehr so gut dastehen wird. Aus solchen Gründen wird auch in Großbritannien immer sehr gezielt der Wahltermin vorverlegt. Das ist nichts Ehrenrühriges. Und jedenfalls ehrlicher.

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Mit viel weniger guten Gefühlen schreiten Michael Häupls ebenfalls lange von der Macht verwöhnt gewesene Genossen in Nordrhein-Westfalen zu den Wahlen. Und das schon an diesem Wochenende. Ihnen ging es bei den Umfragen so schlecht, dass sie zuletzt einen Klassenkampf-Wahlkampf im Stil der zwanziger Jahre ausriefen. So als ob sie ihre absolute Resistenz gegen jedes Lernen aus der Geschichte demonstrieren wollten.

Wer Investoren als "Heuschrecken" denunziert, sollte freilich wissen, dass er damit noch mehr dieser (Un-)Tiere - und damit Investitionskapital - aus Deutschland vertreibt. Was sich noch verheerend auf die ohnedies schlechten Arbeitsplatzzahlen auswirken wird. Und er sollte sich zweitens an jene Regime erinnern, die Unternehmer ebenso aggressiv bekämpft haben. Die deren Kinder nicht einmal an höhere Schulen gelassen haben. 80 Millionen Tote später sollte man eigentlich etwas weiser geworden sein. Vor allem, wenn man - wie die Deutschen - noch gewaltig an den teuren Lasten jener Periode trägt.

Allein: Die Menschen werden ja offenbar doch nicht klüger. Was man an dem erschreckenden Applaus für Münteferings Ausrutscher ablesen kann.

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