Einsatz von Generika: Kein Allheilmittel zur Kostensenkung

Experten relativieren Einsparungspotenzial - Trotzdem sinnvolle Ergänzung zu innovativen Arzneimitteln

Wien (OTS) - Generika können eine sinnvolle Ergänzung zu innovativen Arzneimitteln und ein wertvoller Beitrag zur Kostensenkung bei den Medikamentenausgaben sein. Ein Allheilmittel, um die explodierenden Kosten im österreichischen Gesundheitssystem zu bremsen, sind sie aber nicht. Darauf einigten sich Experten bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema "Generika: Vor- und Nachteile" auf Einladung der Ärztekammer für Wien am Donnerstag Abend im SAS Palais Hotel in Wien. ****

Generika, also Nachbaupräparate, die nach dem Auslaufen des Patentschutzes von Originalmedikamenten auf den Markt gebracht werden, können aufgrund von geringeren Entwicklungskosten für die Erzeugerfirmen günstig angeboten werden. Nachdem allerdings auch die Erzeuger von Originalpräparaten nach Ablauf des Patentschutzes ihre Medikamente mittlerweile günstiger abgeben, beträgt der Preisunterschied zwischen Generika und Originalpräparaten in Österreich durchschnittlich nur bis zu 30 Prozent.

Für den Präsidenten der Ärztekammer für Wien, Walter Dorner, ist die vermehrte Umstellung von Originalprodukten auf Generika in Österreich trotz des etwas geringeren Einsparungsvolumens im Vergleich zu den vergangenen Jahren trotzdem wünschenswert, vor allem in Hinblick auf einen gerechten und sparsamen Umgang mit Ressourcen. Der Ärztechef weist aber darauf hin, dass die derzeitige Rate an Generikaverschreibungen in Österreich mit 11 Prozent im internationalen Durchschnitt weit zurückliegt. "Das ist eine beispielweise fünfmal niedrigere Rate wie in den USA, deren Generikaanteil mittlerweile bei 50 Prozent liegt."

Als einen Grund dafür sieht Dorner die mit der Umstellung vom Originalpräparat auf ein Generikum verbundene Verunsicherung des Patienten. "Ein neuer Name, eine neue Tablette sollen das bewährte und gewohnte Medikament ersetzen." Bei mehreren verschiedenen Tabletten und betagten Patienten werde eine solche Umstellung oft nicht angenommen. Dorner: "Für den verschreibenden Arzt ist es dann oft sehr schwierig, den Patienten von der Gleichwertigkeit eines Generikums zu überzeugen."

Ähnlich argumentiert auch Walter Jäger vom Department für Klinische Pharmazie und Diagnostik der Universität Wien. Generika wie Erstpräparate enthielten zwar den gleichen Arzneistoff in identischer Menge. Unterschiede könnten jedoch gegenüber den Erstpräparaten hinsichtlich der verwendeten Farb- und Geschmackstoffe sowie in der Verpackung bestehen, was die Akzeptanz der Patienten nach einem Wechsel des gewohnten Präparats auf ein Generikum möglicherweise verringert. "Eine verstärkte Information der Patienten über Generika ist daher absolut notwendig", so der Experte, der hier von einem gewissen "Nachholbedarf an Informationsvermittlung seitens der Ärzteschaft und der Apotheker" spricht.

Nicht immer 100-prozentig gleiche Wirksamkeit

Freilich: Auch Experten räumen ein, dass Generika trotz identer Arzneistoffe nicht immer 100-prozentig gleiche Wirksamkeit zeigen müssen. Grund dafür ist die so genannte Galenik, also die Zusammensetzung des Trägermaterials. Diese kann unterschiedlich sein, was zu einer differenten Wirksamkeit führen kann. Laut dem Forschungsreferenten der Ärztekammer für Wien, Thomas Szekeres, trifft dies insbesondere auf Cremen oder Tabletten zu. "Die Aufnahme über die Haut oder die Löslichkeit und Aufnahme im Verdauungstrakt können differieren", betont Szekeres.

Nachteilige Folgen dürfte es dabei für Patienten aber keine geben. Für den Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, sind Befürchtungen, wonach Patienten durch die Verordnung von Generika Schaden erleiden könnten, da Generika "nur" an wenigen jungen und gesunden Probanden getestet wurden und eventuell Abweichungen in der galenischen Formulierung bestehen, unbegründet. "Die Testung von Generika erfolgt ausschließlich an erprobten und seit langen Jahren auf dem Markt befindlichen Arzneimitteln." Müller weist auch darauf hin, dass in den letzten Jahren die größten Probleme in der praktischen Arzneimitteltherapie nicht durch Generika, sondern durch neue, innovative und mit großem Erfolg vermarktete Medikamente kurz nach Markteinführung aufgetreten sind.

Allerdings warnt der Experte vor einem allzu häufigen Wechsel bei Generika. Ein so genanntes "Switching" zwischen verschiedenen Generika sei allein schon aus Kostengründen nicht empfehlenswert. Zusätzlich verwirre und verunsichere ein häufiger Wechsel von Präparaten und damit auch von Präparatenamen Patienten und Ärzte gleichermaßen. Damit sei zu befürchten, dass die Compliance negativ beeinträchtigt werde. Müller: "Ich empfehle, dort, wo möglich, die Wahl eines Generikums, und dann sollte man dabei auch bleiben."

Auch Originalpräparate wurden billiger

Einhellige Zustimmung gab es am Podium auf die Frage, ob Generika die Kosten im Gesundheitssystem senken könnten, auch wenn postwendend eingeräumt wurde, dass "Generika allein unser Gesundheitssystem nicht sanieren werden" (Ärzte-Forschungsreferent Szekeres). Gerade die Tatsache, dass nach Ablauf des Patentschutzes auch die Originalpräparate billiger würden, hätten den Kosteneffekt von Generika nachhaltig minimiert, so Szekeres.

Noch deutlicher formulierte es Peter Mateyka, Geschäftsführer des Pharma-Unternehmens Baxter, für den Generika als Mittel zur Kostendämpfung "nur beschränkt geeignet sind". Mateyka weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass Länder mit dem höchsten Generikaanteil und den niedrigsten Arzneimittelpreisen den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Arzneimitteln hätten. Zudem kosteten Originale nach dem neuen Arzneimittelgesetz "nahezu das Gleiche wie Generika". Es sei daher nicht einzusehen, warum dann Generika "unter allen Umständen" aufgeschrieben werden müssten.

Für Ärztekammerpräsident Walter Dorner sind diese Diskussionen über das wahre Einsparungspotenzial von Generika jedenfalls "akademischer Natur". Man müsse versuchen, alle Einsparungspotenziale im Gesundheitssystem zu nützen. In Wien werde dies auch sehr erfolgreich mit der bindenden Auflage für alle Kassenärztinnen und -ärzte für eine ökonomische Verschreibweise praktiziert. Dies beinhalte auch die bestmögliche Generikaverwendung unter Aufrechterhaltung des State of the Art. "Damit leistet die Wiener Ärzteschaft einen wesentlichen Beitrag zur Senkung der Arzneimittelkosten im österreichischen Gesundheitssystem", so Dorner.

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