"Presse"-Kommentar: Warum Wien nie Frankfurt wird (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 17. Mai 2005

Wien (OTS) - Kaum ein Thema löst in Wien solche Emotionen aus wie Hochhäuser. Die Bitte um ein wenig Differenzierung.
Ein paar Zentimeter mehr und die Erregung kennt keine Grenzen mehr. Hochhäuser in Wien sorgen seit Jahren bei so manchem Zeitgenossen für ebenso negative Emotionen wie Steuern, Krieg im Irak und Feinstaub zusammen. Natürlich: Stadtentwicklung trifft die Bewohner unmittelbarer als EU- oder Weltpolitik. Wenn Straßen verstopft sind oder Bezirke unsicher sind, stört das jeden, mindert es doch die Lebensqualität.
Sieht man aber von tückischen Fallwinden ab, die in Hochhäuser-Schluchten auftreten können und die man in Wien selten (auf der Platte) und in Chicago häufig erleben kann, haben die Türme kaum negative direkte Auswirkungen. Potenzielle Ausnahme: Der Verkehr kann durch die Anzahl der in den Türmen arbeitenden oder wohnenden Menschen zunehmen, sofern nicht ein Verkehrskonzept erstellt und umgesetzt wird. Das Negativbeispiel Wienerberg ist bekannt, die U-Bahn fährt leider woanders hin, heißt es im Rathaus. Pech. Abgesehen davon stellt sich das Problem Hochhaus als ästhetisches dar. Und Ästhetik ist bekanntermaßen eine Geschmackssache. Also streiten wir ein wenig über Geschmack, das gehört zur Kulturgeschichte Wiens: Das Looshaus missfiel einst nicht nur Kaiser Franz Joseph. Heute werden die Touristen stolz dorthin geführt. Protest gab es auch gegen das Schleifen der Stadtmauern. Heute fahren wir über die Ringstraße.
Generell gilt für Wien: Aus alten Epochen gibt es nur wenige Gebäude, Mittelalter und Renaissance hinterließen nur wenige Spuren, das reiche Wien war immer schnell mit dem Austauschen alter Gebäude für neue Moden. Deren prägendste ist der Historismus, dem heute noch gehuldigt wird. Dass die in jedem Fremdenführer verzeichneten "Prachtbauten" am Ring architektonische Kopien von Bauwerken aus Gotik, Renaissance und dem alten Griechenland sind, wird gerne vergessen.
Wien ist auch damit Weltkulturerbe geworden. Ebenso mit den zahlreichen unattraktiven Gebäuden in der City, die nach 1945 in den durch die Bomben-Zerstörung entstandenen Lücken notwendigerweise schnell errichtet wurden. Bürgerinitiativen und Denkmalschützer haben sich nun den Schutz dieser Weltkultur-Zone auf die Fahnen geschrieben und führen einen Feldzug gegen neue Hochhäuser innerhalb des Gürtels. Bei der eben zu Ende gegangenen Weltkulturerbe-Konferenz wurde ihnen scheinbar Recht gegeben. Das "Wiener Memorandum" wurde mit Unterstützung des in Sachen Architektur manchmal planlosen Rathauses beschlossen. Kernpunkt: Die "Entwicklung von zeitgenössischer Architektur in Welterbestädten soll zu den Werten der historischen Stadtlandschaft komplementär sein und sich in Grenzen halten, um den historischen Charakter der Stadt nicht zu kompromittieren".
Das birgt Raum für Interpretationen: Wie kompromittiert man eine Stadt? In der Innenstadt hat schon lange Zeit kein Architekt ein Hochhaus geplant, allerdings in der näheren Umgebung der Schutzzone:
Erregung lösen etwa die Projekte jenseits des Rings aus, die kleine Mini-Skyline am Donaukanal ist für manche Stein gewordene Provokation. Kleiner ästhetischer Einwand: Können sich die Feinde dieser Bauten noch an die Vorgänger-Gebäude erinnern? Das war keine Augenweide. Dann ist da noch das verwahrloste Schlachtfeld Wien-Mitte. Um jeden Meter wurde und wird dort gerungen, ein Projekt sogar bereits verworfen. Ob das aktuelle realisiert wird, steht nicht fest, die Rentabilität sei noch nicht gegeben. Da liegt das Problem:
Die Immobilien-Entwickler argumentieren, sie müssten "verdichtet" bauen, um auf ihre Kosten zu kommen. Also hoch. Klingt zwar plausibel, der Standpunkt stößt bei den Stadt-Konservatoren aber auf taube Ohren. Immobilien-Entwickler gehören nicht gerade zu den beliebtesten Berufen.
Oft wird der Vergleich mit Rom und anderen bei österreichischen Touristen beliebten Wochenend-Reisezielen strapaziert. Für Rom und diese Städte gilt jedoch: Dort gibt es keine Börsen und keine ansässigen Konzernzentralen, auf die Wien im wirtschaftlichen Wettbewerb immer so stolz ist. Jüngst tauchte in Abwandlung eines FP-Spruchs die Forderung auf: Wien darf nicht Frankfurt werden! Keine Sorge, das ist unmöglich. Weder wird in Wien der historische Kern, den Frankfurt nicht hat, geschliffen, noch wird Wien einen vergleichbaren Ansturm böser Investoren und Turm-Bauer erleben. Dafür ist Wien wirtschaftlich nicht interessant genug.
Dennoch werden und sollen auch in Zukunft Hochhäuser in Wien gebaut werden. Sicher nicht am Stephansplatz und im Idealfall ästhetisch hochwertig. Gute Architekten gäbe es in Österreich genug. Hoffentlich auch das Verständnis für sie.

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