Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Nach dem Höhepunkt der patriotischen Feiern hat uns der Alltag endlich wieder. Wenn wir nicht voll damit ausgebucht sind, die vielen patriotischen Ausstellungen zu besuchen. Und die einschlägigen Bücher zu lesen.

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Hubert Gorbach sehnt sich auch wieder danach, anderes zu tun, als patriotisch mitzuregieren. Allzu früh haben gute (gute?) Freunde durchsickern lassen, dass sich Gorbach in der Vorarlberger Heimat schon um einen interessanten Job nach der Politik umgesehen hat. Abgesehen davon, dass das kein großes Zeichen des Optimismus in Hinblick auf jene nagelneue Partei ist, deren Geschäfte er führt, wirkt dieses Postengespräch auch sonst nicht sehr professionell.

Zugleich sollten wir uns aber schon fragen, was wir von unseren Politikern eigentlich erwarten. Das Privatleben wird unter Gejohle von den Rängen den Paparazzi vorgeworfen; die einst üppigen Pensionen gibt’s nur noch für ein paar Auslaufmodelle; wehe, einer gerät schon zu aktiven Zeiten in den Geruch, "nachher" einen Job in der Wirtschaft anzustreben, wie Grasser einst Richtung Magna oder Gorbach jetzt Richtung Seilbahnen; und wenn ein abtretender Politiker wie Strasser oder Riess-Passer oder Hirschmann oder Schlögl oder Raschhofer nicht am nächsten Tag nach der Politik einen neuen tollen Job hat, wird das mit Häme begleitet, wie untüchtig unsere Politiker seien.

Das ist nicht gut für die Bereitschaft junger Menschen, sich für die Allgemeinheit, also politisch zu engagieren. Das führt zu üblen Folgen: dass die Parlamentarier-Ränge bald nur noch von Beamten und Kammerangestellten mit rechtlich garantiertem Rückfahrtticket gefüllt sind. Denn die füllen dann unsere Gesetze immer mehr mit wirklichkeitsfremden Überregulierungen. Was viel gefährlicher ist als Politiker, die als Liftwart Kabinen füllen wollen.

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Bis auf das erfrischend ehrliche Rote Kreuz sind die humanitären Organisationen schon wieder einmal alle dagegen - von der Caritas bis zu den Johannitern sowieso: dagegen, dass freiwillige Zivildiener auch aus anderen EU-Ländern kommen können. Irgendwie haben sie vergessen, dass man in der EU Miteuropäer nicht mehr diskriminieren darf. Irgendwie ist es ihnen auch gleichgültig, woher der rasch wachsende Bedarf an Altenbetreuern kommt. Und irgendwie sind sie auch nicht sehr konsequent: Denn sie drängen sonst immer als erste vor die ORF-Mikrofone, um sich zu beschweren, wie böse das Land zu Ausländern sei. Oder geht es diesen Vereinen ohnehin nur darum, einfach immer dagegen zu sein?

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