"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Tag ohne Nostalgie" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 15.05.2005

Graz (OTS) - Wie ein erlösender Seufzer nach langer und mühseliger Arbeit wirkte der Satz, den Leopold Figl ausrief, nachdem die Außenminister der vier Besatzungsmächte und er selbst im Marmorsaal des Belvedere den Staatsvertrag unterzeichnet hatten: "Österreich ist frei!"

Die Freude und Begeisterung, die diese drei Worte bei den tausenden Schaulustigen im Park vor dem Schloss und bei den hunderttausenden an den Radioapparaten auslösten, können sich wohl nur jene vorstellen, die Unfreiheit erleben und erleiden mussten.

50 Jahre später wird versucht, diese Gefühle wieder zu beleben. Elf Stunden lang werden Sänger, Tänzer, Schauspieler, Musiker und Orchester, Zeitzeugen und Prominente auf den Höhepunkt des Tages einstimmen, wenn die Politiker von heute auf den Balkon treten - wie damals die Unterzeichner des Staatsvertrags.

Ein Event zum Jubiläum. So manifestiert sich die Gedenkkultur im Gedankenjahr. Man soll deswegen nicht die Nase rümpfen. Wie sonst soll man heutzutage das Volk unterhalten und gleichzeitig bilden?

Es gibt ja keine Tradition, an die man anknüpfen kann. Der 15. Mai wäre der ideale, weil sentimentale Staatsfeiertag gewesen. Die Politik entschied sich später für den 26. Oktober im Gedenken an den Abzug der letzten Besatzungssoldaten. Ein emotionsloses Datum: Aus dem Tag der Fahne wurde der Tag der Wanderer.

Die Regierung, die den Staatsvertrag erkämpft hatte, schaffte es nicht, ihren gemeinsamen Sieg zu einem gemeinsamen Gedenktag zu machen. Es war nicht nur der Umstand, dass es im Mai schon zu viele Feiertage gab, der die ÖVP zögern ließ. Es war auch das Misstrauen der SPÖ, dass der 15. Mai mit dem Staatsvertragskanzler Julius Raab und dem Staatsvertragsunterzeichner Figl zu einem schwarzen Feiertag oder gar gegen den roten 1. Mai eingetauscht werden könnte. Die große Koalition amtierte noch zehn Jahre lang, ihre Kraft war aber ebenso erschöpft wie der Wille zur Zusammenarbeit.

Obwohl die Hälfte der 50 Jahre seit dem Staatsvertrag Österreich von einer großen Koalition mit wechselnden Vorzeichen regiert wurde, blieb sie den Nachweis schuldig, dass sie die ideale Regierungsform wäre. Selbst der EU-Beitritt ist kein Beweis, denn er war weniger der Erfolg des Bündnisses als die Leistung von Franz Vranitzky, der die von Bruno Pittermann bis Bruno Kreisky gegen die Integration eingestellte SPÖ auf EU-Kurs brachte.

Der Alltag bestand darin, Machtpositionen auszubauen und Reformen zu verhindern. Mit dem Staatsvertrag hatte die große Koalition ihre Mission erfüllt. Der 15. Mai ist kein Tag der Nostalgie. ****

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