Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - In einem Tagebuch darf man auch ketzerische Fragen stellen: Warum eigentlich feiern wir Staatsvertrag und auch Neutralitätsgesetz gar so euphorisch? Und das seit Jahrzehnten.

Gewiss: In Österreich feiert man gerne. Gewiss: Nach der großen Befreiung des Jahres 1945 brachte 1955 noch die kleine Befreiung von den schon sehr lästig gewordenen Befreiern, die in Ostösterreich erneut als eine große empfunden worden ist.

Dennoch bleibt ein Rest Unbehagen. Denn die Befreiung Österreichs hinterließ das Land als ein nur semi-souveränes Wesen. Zum Unterschied von jenen vielen europäischen Ländern, die erst 1989 oder gar erst in den 90er Jahren die Freiheit gefunden haben. Diese kam dort zwar viel später, aber dafür umso vollständiger an.

Der österreichische Staatsvertrag, der derzeit wie eine Reliquie ausgestellt wird, hält hingegen zahlreiche Einschränkungen der österreichischen Bewegungsfreiheit fest. Das gleiche tut auch das Neutralitätsgesetz, das ja manche ebenfalls in den Rang eines einseitig nur schwer zu kündigenden Vertrags heben wollen.

Wenn wir jetzt die vier Alliierten gar so laut feiern (obwohl George Bush wagt, den Zorn der "Kronen Zeitung" zu erregen und seine Condi nicht nach Wien zu schicken), dann ist das nicht ganz schlau. Besonders nicht in einem Land, wo man sich schon wegen der notwendigen Souveränitätseinschränkungen ungemein erregt, die ein gemeinsamer Markt neben allen Vorteilen mit sich bringt.

Diese Sehnsucht nach den alten Zuchtmeistern ist auch Zeichen mangelnder Reife. Irgendwie glauben wir noch immer, uns an den Rockschößen der Großen dieser Welt festhalten zu müssen.

Es geht nicht darum, den Staatsvertrag zu kippen - wie das übrigens die Finnen mit einem ähnlichen Dokument bei erster Gelegenheit getan haben. Es geht aber sehr wohl darum, die Vier nicht gezielt daran zu erinnern, dass sie ausgerechnet in Österreich noch ein bisschen mitzureden haben. Die eigene Freiheit sollte man schon prophylaktisch penibel verteidigen.

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Das alles wird aber in Österreich nicht diskutiert. Da reicht es bei der politischen und journalistischen Klasse höchstens für organisierte Erregung darüber, dass der Bundeskanzler zu dem Anlass im Fernsehen spricht.

Ich habe nur eine politische Erinnerung an jenes Jahr 1955: Dass die allsamstägige Rede des Bundeskanzlers in der Familie der mit Spannung erwartete Höhepunkt der Woche war. Eine Rede im öffentlich-rechtlichen Radio ...

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