"Presse"-Kommentar: Hier gilt nur der Hass als Liebe (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 14. Mai 2005

Wien (OTS) - Die Staatsvertragsfeiern erinnern auch daran, wie
sehr in Österreich der Patriotismus diskreditiert wird.
Das Jubelwochenende lässt sich nicht gut an. Die USA haben uns, gegen die Gepflogenheiten der hohen Diplomatie, symbolisch über ihre Einschätzung der Bedeutung Österreichs unterrichtet. Und die entspricht nun einmal aus der Sicht Washingtons dem, was ein ehemaliger Senator des Bundesstaates Minnesota an Bedeutung auf die Waage bringt.
Ein solcher diplomatischer Fauxpas ist jedenfalls kein Anlass, die österreichischen Patrioten in Aufregung zu versetzen. Und selbst wenn mehr passiert wäre als ein diplomatischer Fauxpas, würde es zu einer kollektiven patriotischen Erregung nicht kommen: In Österreich gibt es nämlich keinen nennenswerten Patriotismus. Und wo es ihn gibt, da wird er seit Jahrzehnten diskreditiert. Von Dichtern, Künstlern und anderen Geistesmenschen, die sich ihre zur lässig abgespulten Pflichtübung gewordene Österreich-Beschimpfung von wohlmeinenden Interpreten gern zur "wahren" Österreich-Liebe umdeuten lassen: Wie muss einer dieses Land lieben, sagen die dann, dass er es so hassen kann.
Gewiss: Es gibt auch die verzweifelte Liebe zur Heimat, die sich nur in schärfster Kritik äußern kann, wenn die gesellschaftlichen Entwicklungen danach sind. Der niederträchtige Umgang mit den Opfern des Nationalsozialismus oder etwa die jahrzehntelange Nichterfüllung des Staatsvertrages in den zweisprachigen Gebieten Kärntens: Das waren und sind Entwicklungen, die Kritik geradezu als patriotische Pflicht erscheinen lassen. Weil es um die Rechte von Mitbürgern geht, ohne deren Erfüllung ein Land die Zuneigung, die Liebe seiner Bürger nicht verdient.
Dass der Patriotismus zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften der Skepsis von Intellektuellen ausgesetzt war und ist, hat gute Gründe: Er wird von den Mächtigen, vor allem in Krisenzeiten, gern als Keule eingesetzt. Die Regierenden immunisieren sich, indem sie die Kritik an kritisierenswerten Zuständen zum "Verrat" an der Heimat uminterpretieren. In Österreich hat sich die Patriotismus-Skepsis während der vergangenen Jahrzehnte linker Kulturhegemonie allerdings zum Dogma versteinert: Hier wurde und wird die Kritik am eigenen Land nicht, wie in anderen Gesellschaften, als Sonderfall des Patriotismus anerkannt und gewürdigt, sondern vom kulturellen Mainstream als einzige akzeptable Ausdrucksform der Vaterlandsliebe festgeschrieben. Wer hingegen seine Liebe zur Heimat in der Weiterführung alter Traditionen und Bräuche, in der Pflege der Volkskultur oder gar im Festhalten an der überlieferten Volksfrömmigkeit dokumentierte, wurde mit Spott und Hohn übergossen. Im günstigsten Fall. Eher schon musste er mit dem Vorwurf des latenten Faschismus rechnen. Auch diese Spielart der intellektuellen Überheblichkeit ist zunächst keine österreichische Besonderheit. Sie prägt überall in der Welt die Spannungen zwischen urban-modernen Zentren und ländlich-traditionellen Peripherien. Spezifisch österreichisch ist nur, dass sich die Politik über drei Jahrzehnte hinweg nicht um ein Ausbalancieren dieser Spannungen bemüht, sondern die Hegemonie der Zentren gefördert hat. Viele ÖVP- und FPÖ-Politiker sind während der vergangenen fünf Jahre das exakte Gegenprogramm gefahren _ Franz Moraks Beteuerung, am besten werde derzeit im steirischen Oberzeiring Theater gespielt, ist zum Synonym dafür geworden. Das ist auch nicht sonderlich produktiv.
Man könnte über all das hinwegsehen, wenn sich die Patriotismus-Debatten auf soziologische Seminare beschränkten. Es gibt aber auch den patriotischen Ernstfall, und der hört auf den sperrigen Namen "Staatsräson". Wo immer man im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen Zentrum und Peripherie stehen mag, ob man sich emphatisch als "Patriot" bezeichnet oder die skeptische Attitüde pflegt: Wenn es gilt, das Land vor Schaden zu bewahren, müssen eigene Interessen zurückstehen.
Man kann daher der österreichischen Sozialdemokratie angesichts der Feierlichkeiten dieses Wochenendes die Erinnerung an ihren Sündenfall des Jahres 2000 nicht ersparen: In keinem anderen europäischen Land wäre es denkbar gewesen, dass eine Partei in der Hoffnung, dadurch den Weg zurück an die Macht abkürzen zu können, Maßnahmen wie die Sanktionen der EU-14 begrüßt. Und es wäre in keinem anderen Land Europas denkbar, dass es auch im fünfzigsten Jahr seiner Eigenständigkeit noch keinen Patriotismus entwickelt hat, für den man sich, gleich, wo man ideologisch stehen mag, nicht genieren muss.

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